An die zornige Cassandra.
Erzürnte schauet doch zu euren zarten Füssen
Den Sclaven der sein Glück durch Unverstand ver-
schertzt;
Den dreisten Fürwitz muß er gar zu herbe büssen
Und eur entbrandter Grimm ihn in der Seelen schmertzt.
Wo ist der süsse Blick der mich vor dem erquicket?
Ach Schmertz! ach Weh! er ist in strengen Blitz verkehrt
Ein ungemeiner Zorn mich mit Verbannung drücket
Die Seele wird durch Angst und Unmuth gantz verzehrt.
Ich lebe fast nicht mehr weil ich so elend lebe
Kein Redner drücket aus was meine Sinnen kränck
Der Tod umnebelt mich mit dicken Spinn-Gewebe
Ich bin in Angst und Noht bis an den Hals versenckt.
Ich leugne nicht mein Schatz daß ich mich grob versehen
Mein Fehler wird von mir mit grosser Reu erkannt
Das krancke Hertze seuffzt die matten Lippen flehen
Und haben ach umsonst! viel Opffer angebrannt.
Jhr zürnet allzuviel und stellt euch mein Verbrechen
Viel grösser als es ist in solchem Eyfer für:
Wie lange wolt ihr euch an eurem Sclaven rächen?
Wie lange spielt eur Zorn so wunderlich mit mir?
Ach kehret doch zurück! ach kehret! kehret wieder!
Hemmt meine Hertzens-Angst verkürtzet meine Noht
Beseelt durch einen Blick die schon erstorbnen Glieder
Erquickt den matten Geist vertreibt den nahen Tod.
Was meine Hand verübt ist nicht durch sie vollführet
Der netten Glieder-Zier und was euch schöne macht
Hat sie durch einen Trieb der mächtig war regieret
Daß sie den Griff gewagt eh ich es recht bedacht.
Erwegt nun ob ihr mich so hefftig hassen könnet
Da euer Schönheit-Pracht den Zwang an mir verübt
Betrachtet ob ihr den mit Recht und anckbahr nennet
Der euch aufs zärtlichste mehr als sich selber liebt.
Jhr thut mir Uberlast mehr als ich es verbrochen
Die Straffe ist zu hart damit ihr mich belegt;
Wenn ihr nun meine Schuld durch meinem Tod gerochen
So glaubt nicht daß die Welt Hochachtung vor euch trägt.
Man wird eur Angesicht als einen Leuen fliehen
Der mehr vergrelte Wuth als Beyleids-Zeichen zeigt
Man wird sich nicht zu sehr um eure Gunst bemühen
Das Meer-Weib fliehet man weil sein Gesang betreugt.
Wenn aber eure Gunst sich wieder zu mir wendet
Wenn den gequälten Geist ein holder Blick erquickt
So wisset daß man sich mit Lust an euch verpfändet
Und daß die gantze Welt euch heisse Seuffzer schickt.