An einem Gewitterabend.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Ja, wahrlich, du bist schön! bist einer ew'gen

Milde

Und einer ewgen Kraft unsterbliches Gebilde,

Du meiner Wallfahrt Land, du Land, das mich gebar,

Mich säugte, mich erzog, mir Wieg' und Amme war;

Mich dreissig Frühlinge mit seinen Rosen kränzte,

Mir im kristallnen Schnee durch dreissig Winter

glänzte,

Und einstens diesen Staub, durch Gottes Hauch

belebt,

In seinen Schooss begräbt.

Schön bist du, Erde, schön im goldnen Sommer-

kleide.

Dich grüsst mein Preisgesang; dich ehret meine

Freude.

Sieh, wie die gelbe Saat die schweren Häupter

neigt!

Wie unter seiner Last das schwanke Reis sich

beugt!

Wie auf der fetten Trift die satte Heerde hüpfet!

Wie durch das hohe Gras das Sonnenwürmchen

schlüpfet!

Horch, wie der Wachtel Schlag im Weizen, tief

im Wald

Der Drossel Flöte schallt!

Doch schwüler wird die Luft; die Kreaturen

ächzen;

Die matte Schöpfung stöhnt; die welken Fluren

lechzen.

Allvater winkt, und schnell klimmt schwarze Wet-

ternacht

Herauf aus Süd und West. Des Sturmes Kraft erwacht.

Es blitzt. Der Donner grollt. Das Bodenfeste zittert.

Das wilde Weltmeer tobt. Der Eichwald dampft

und splittert.

Der Haingesang erstummt. Das scheue Ross ent-

fleucht,

Und Held und Memm' erbleicht!

Allvater lächelt. Schnell verbraust der Donner

Rasen.

Der Blitze Flamm' erlischt; des Sturms verheerend

Blasen

Wird leises Wehn; es schweigt das aufgewühlte

Meer —

Schön, Erde, ist dein Ruhn nach Wettern, schön

und hehr.

Des Donners Drohn wird Huld, sein Schelten mil-

der Segen.

Der Wolken Fülle rauscht; es rieseln laue Regen.

Nun trinkt, was durstete; nun labt sich die Natur;

Nun jubeln Wald und Flur.

Die Dünste fliehn. Die Luft verklärt sich.

Gross und milde

Beglänzt die Abendsonn das träufelnde Gefilde.

Wie blitzt in ihrem Glanz, wie funkeln Bach und

Au!

Wie düster steht der Wald, das ferne Meer, wie

blau!

Sie sinkt; der Westen glüht. Der müde Landmann

feyert;

Die Heerden kehren heim; der braune Abend

schleyert

Das Feld, das stille Dorf, den feyerlichen Hain

In seinen Mantel ein.

Sie kommt, gewünscht dem Gram; sie kommt,

ersehnt dem Müden,

Die süsse, süsse Nacht, und träufelt Trost und Frieden

In jede wunde Brust, und schliesst zu sanfter Ruh

Und holder Träumerey die nassen Wimper zu.

Es scheint der stille Mond in des Verlassnen Kammer

Durch enge Fensterchen, und weint in seinen Jammer.

Der wache Weise sinnt in ernster Dunkelheit

Gott, Grab und Ewigkeit.