An einem Gewitterabend.
Ja, wahrlich, du bist schön! bist einer ew'gen
Milde
Und einer ewgen Kraft unsterbliches Gebilde,
Du meiner Wallfahrt Land, du Land, das mich gebar,
Mich säugte, mich erzog, mir Wieg' und Amme war;
Mich dreissig Frühlinge mit seinen Rosen kränzte,
Mir im kristallnen Schnee durch dreissig Winter
glänzte,
Und einstens diesen Staub, durch Gottes Hauch
belebt,
In seinen Schooss begräbt.
Schön bist du, Erde, schön im goldnen Sommer-
kleide.
Dich grüsst mein Preisgesang; dich ehret meine
Freude.
Sieh, wie die gelbe Saat die schweren Häupter
neigt!
Wie unter seiner Last das schwanke Reis sich
beugt!
Wie auf der fetten Trift die satte Heerde hüpfet!
Wie durch das hohe Gras das Sonnenwürmchen
schlüpfet!
Horch, wie der Wachtel Schlag im Weizen, tief
im Wald
Der Drossel Flöte schallt!
Doch schwüler wird die Luft; die Kreaturen
ächzen;
Die matte Schöpfung stöhnt; die welken Fluren
lechzen.
Allvater winkt, und schnell klimmt schwarze Wet-
ternacht
Herauf aus Süd und West. Des Sturmes Kraft erwacht.
Es blitzt. Der Donner grollt. Das Bodenfeste zittert.
Das wilde Weltmeer tobt. Der Eichwald dampft
und splittert.
Der Haingesang erstummt. Das scheue Ross ent-
fleucht,
Und Held und Memm' erbleicht!
Allvater lächelt. Schnell verbraust der Donner
Rasen.
Der Blitze Flamm' erlischt; des Sturms verheerend
Blasen
Wird leises Wehn; es schweigt das aufgewühlte
Meer —
Schön, Erde, ist dein Ruhn nach Wettern, schön
und hehr.
Des Donners Drohn wird Huld, sein Schelten mil-
der Segen.
Der Wolken Fülle rauscht; es rieseln laue Regen.
Nun trinkt, was durstete; nun labt sich die Natur;
Nun jubeln Wald und Flur.
Die Dünste fliehn. Die Luft verklärt sich.
Gross und milde
Beglänzt die Abendsonn das träufelnde Gefilde.
Wie blitzt in ihrem Glanz, wie funkeln Bach und
Au!
Wie düster steht der Wald, das ferne Meer, wie
blau!
Sie sinkt; der Westen glüht. Der müde Landmann
feyert;
Die Heerden kehren heim; der braune Abend
schleyert
Das Feld, das stille Dorf, den feyerlichen Hain
In seinen Mantel ein.
Sie kommt, gewünscht dem Gram; sie kommt,
ersehnt dem Müden,
Die süsse, süsse Nacht, und träufelt Trost und Frieden
In jede wunde Brust, und schliesst zu sanfter Ruh
Und holder Träumerey die nassen Wimper zu.
Es scheint der stille Mond in des Verlassnen Kammer
Durch enge Fensterchen, und weint in seinen Jammer.
Der wache Weise sinnt in ernster Dunkelheit
Gott, Grab und Ewigkeit.