An einen vornehmen Cavalier über die Gebuhrt eines Sohnes
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Wenn unser Leib entschläfst soll unsre Seele wachen.
Wenn die Begierden ruhn ist offt der Geist bemüht.
Drum führte mich ein Traum auf sonderbahre Sachen.
[Wie man in Träumen doch ein Bild des künftgen sieht!]
Es brachte mich ein Zug der von den Sternen kommen
An einen Meeres-Strand und gab der Seelen ein:
Daß Liebe von dem Meer viel gleiches angenommen
Und daß mehr Schätze da als wie auf Erden seyn.
So gleich erblickte sie der Muscheln Menge liegen.
Sie rief: ihr Schalen schließt was herrliches in Euch.
Ihr seyd des Himmels-Schooß und seiner Kinder Wiegen.
Was komt euch Perlen doch auf dieser Erden gleich?
Der edlen Liebe Bild ist eine Perl zu nennen
Die weil des Himmels Gunst sie beyde rein gezeugt.
Vor schön muß man die Perl dieweil sie rein erkennen.
Nur reine Lieb' ist schön unreine die betreugt.
Drauf kam so wie mich deucht ein Englisch Frauenzimmer
Hub eine Muschel auf und hielt sie an den Brand
Der von der Sonnen kommt: Es öffnet durch den Schimmer
Durch ihren heissen Strahl sich ja diß Himmels-Pfand.
Du Muschel pflegest dich nicht eher aufzuschliessen
Biß daß des Himmels Strahl auf dich entzündet schaut.
Mich Perle sprach sie fort kan also nur geniessen
Die Sonne welcher mich der Himmel hat vertraut.
Und wie nur eine Perl die Muschel kan gebähren:
Denn mehr empfänget sie von Himmel niemahls nicht:
Kan ich dem Liebsten auch ein Kleinod nur gewähren
In Liebe die ihm Wehrt und mir viel Lust verspricht.
Die Schöne hielte noch die Muschel in den Händen
Die längst des Himmels Huld mit Morgen-Thau erqvickt
Als da die Sonn' anfieng mehr Strahlen drauf zu senden
Sie eine Perl daraus die wunderschön beglückt.
Ich kan die Schätzbarkeit mit Worten nicht beschreiben.
Der Himmel hat darzu so wie mich deucht gelacht
Und hieß die Welt damit ein groß Ergetzen treiben.
Vor Freuden bin ich selbst darüber aufgewacht.
Fast war ich müßvergnügt daß dieser Traum verschwunden
Da der beglückte Tag mir die Erklährung beut.
Ach Himmel! war mein Traum ein Bild so froher Stunden
Da diß Hochadlich Hauß ein junger Sohn erfreut?
Nun wohl so edle Lieb' ist Perlen gleich zu schätzen
Die kostbar keusch und schön und Himmels-Früchte trägt.
Der Himmel müß auf Sie so vielen Seegen setzen
So viel das weite Meer an theuren Perlen hegt.