An Flavien

By Benjamin Neukirch

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Ach Flavia! du qvelle meiner schmertzen

Was hat dir doch dein treuer knecht gethan?

Daß nicht dein ohr die seuffzer meines hertzen

Mehr wie vorhin gedultig leiden kan?

Und daß mein mund nach hundert tausend küssen

Doch endlich nun in thränen muß zerfliessen?

Ein sclave der die jammer-vollen ketten

Nur mit gedult und tieffer demut trägt

Kan endlich doch sich durch die flucht erretten

Wenn ihm die zeit die fessel abgelegt:

Ach aber! ach! wo soll ich rettung finden?

Weil mich dein arm kan allenthalben binden.

Ich muß nur stehn und deine straffe suchen

Die schönste mir dein strenges auge spricht:

Sonst müst ich offt dem himmel selber fluchen

Wenn er den glantz durch trübe wolcken bricht.

Dein hertz ist ja der himmel meiner freuden;

Drum will ich auch itzt seine donner leiden.

Ich bin bißher zu glücklich fast gewesen

Ich habe dich mehr als zu viel geküst:

Wenn ich den schnee von deiner brust gelesen

Und unser mund wie thau zerflossen ist:

Dieweil ich nun verbotne frucht genossen

So wird mir auch mein paradieß verschlossen.

Wohlan denn! wenn ich nicht soll länger leben

O Flavia! so sterb ich mit gedult.

Hastu mich gleich mit thränen itzt vergeben

So geb ich dir doch schönste keine schuld.

Denn wer zu früh will mit dem feuer spielen

Muß endlich sich mit solchem wasser kühlen.