An Gleim, bey der Feyer seines GeburtstagesFußnoten

By Johann Georg Jacobi

Written 1777-01-01 - 1777-01-01

Als, an Kriegs- und Ehren-Tagen,

Noch ein deutscher Rund-Gesang

Laut, bey fröhlichen Gelagen,

Bey der Väter Halle klang,

Ließen sie das Lob verstorbner Helden

Ihren ersten Becher melden.

Freund! nach alter Weise schenken

Diesen Becher wir voll Wein;

Und er soll dem Angedenken

Deines Leßings heilig seyn,

Der, wie Kleist, mit ungefärbtem Lieben

Dein bis in sein Grab geblieben.

Doch die Stätte des Erblaßten,

Wo mit ihm, vom süßen Licht

Ach so fern! die Todten rasten,

Nenne mein Gesang dir nicht!

Laß uns nur den vollen Becher weihen,

Seines Lebens uns zu freuen:

Daß, vor Tausenden zu glänzen,

Er den hohen Geist empfing;

Aber zwischen Lorber-Kränzen

Demuthsvoll, in Zweifeln ging,

Ob er nicht des großen Ziels verfehlte,

Nicht für Wahrheit Irrthum wählte;

Daß er bey geprüften Schötzen

Alter Kunst voll Einfalt saß,

Nach der Schönheit Urgesetzen

Jedes seiner Werke maß,

Freyen Muth in Frevel nie verkehrte,

Nie der Sprache Recht entehrte;

Daß er gläubig die Gebote

Reiner Liebe nicht verließ,

Und dem Priester, der ihm drohte,

Seines Lebens Unschuld wies;

Daß den Mann, den sie zur Hölle bannten,

Arme Wittwen selig nannten;

Daß sein letzter Tag gekommen

Ohne Schrecken, leis' und mild,

Wie das Wandlen eines frommen

Jünglings, wie das holde Bild,

Das er uns im Schlafes-Bruder zeigte,

Welcher Kranz und Fackel neigte .

Nimm, o Gleim, den Freuden-Becher,

Füll' ihn lange noch mit Wein,

Um des Freundes Freund und Rächer

Einst, wenn Alles schweigt, zu seyn:

Denn es rauscht des falschen Eifers Flügel

Auch um stille Todes-Hügel.