An Hippolyta.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Immer höher, immer schwanker,

Blume, sprosst dein Halm empor.

Immer röther, immer frischer

Prangst du in dem Blumenflor.

Aufgekost vom Lenzgesäusel,

Aufgeküsst vom lauen Strahl,

Öffnest du dich tausendblättrig

Und durchduftest Hayn und Thal.

Wer bewahrt mir meine Blume,

Dass kein Frevel sie entweih,

Dass kein frecher Sturm sie knicke,

Dass der Mehlthau Schmeicheley

Ihre Blätter nicht versenge,

Dass nicht schwüle Fantasie

Ihres Halmes Saft verzehre,

Wer bewahrt, wer schirmet sie?

Einen Engel und noch Einen

Kenn' ich, meine Lieblingin,

Die die Schüchterne beschirmen:

Thätigkeit und reinen Sinn.

Jene schützt dich vor dir selber;

Dieser scheucht die Frechheit weg.

Beyde leiten sanft und sicher

Dich der Jugend Blumenweg.

Lieblich ist der Lenz des Jahres,

Lieblich, doch gefährlich auch.

Ihm entsäuseln Gift und Balsam,

Lebensodem, Todeshauch.

Liebling ist der Lenz des Lebens,

Aber auch gefahrenvoll;

Seinem Blüthenkelch entduften

Lebensweh und Lebenswohl.

Welches Ahnen, welches Bangen

Schwellt des Mädchens junge Brust?

Welches unbekannte Sehnen?

Welche träumerische Lust?

Dieses Staunen, dieses Wähnen,

Dieses dämmernde Gefühl

Ruf' es an das Licht, Geliebte!

Gib ihm Namen, Zweck und Ziel!

Jedes Sehnen, meine Theure,

Das du dir nicht laut bekennst,

Jeder schüchterne Gedanke,

Den du deinem Gott nicht nennst,

Jeder Wunsch, der scheu und blöde

Aus des Reinen Gegenwart

Wegbebt und ins Dunkel flüchtet —

Freundin, ist nicht lautrer Art.

Jede Stimmung, meine Traute,

Die in Trübsinn sich verstimmt,

Itzt in trägem Traum sich wieget,

Itzt in feigen Thränen schwimmt,

Die der Seele kranke Fibern

Itzt erschlaffet, itzt verspannt,

Stammt vom Erebus, und werde

In den Erebus verbannt.

Jeder Geck, der schöngeglättet,

Schöngefirnisst um dich kriecht,

Sich in jeder deiner Launen

Schlangenschmeidig schmiegt und fügt,

Itzt mit schalem Scherz dich peinigt,

Itzt mit Schmeicheln dich entehrt,

Kennt nicht deine wahre Würde,

Ist nicht deiner Achtung werth.

Jeder Bube, der die Tugend

Und die heilge Zucht verlacht,

Den der Unschuld Schamerröthen

Kühner nur und frecher macht —

Wär' er schön und reich und witzig,

Wär' er Fürst und Fürstensohn —

Blitze stolz den Buben nieder!

Lohn' ihm mit gerechtem Hohn!

Aber, wo du einen graden

Ernsten, festen Menschen weisst,

Der getrost das Unrecht Unrecht,

Und den Schurken Schurken heisst —

Wär' er niedrig, arm und einfach,

Trät' er schlecht und recht herein —

Dennoch acht' ihn! dennoch strebe

Seiner Achtung werth zu seyn!

Achtung achtungswerther Menschen

Sichert vor Erniedrigung.

Ehrfurcht vor sich selber rettet

Von des Thoren Huldigung.

Demuth, Sanftmuth, Wahrheit, Klarheit,

Nimmerlasse Regsamkeit,

Herzenseinfalt, Herzensgüte

Sind des Mädchens Feyerkleid.

Herzenseinfalt, Herzensgüte

Rühren siegender fürwahr,

Als der Wangen frische Rose,

Veilchenaug' und Lockenhaar;

Welken nicht mit Erdenblüthen,

Fliehn nicht mit des Lebens May,

Grünen ewig grünen Frühling,

Ewig jung und ewig neu.

Herzenseinfalt, Herzensgüte

Schaffen süsseres Gefühl,

Als der Freude Schallgelächter,

Tanz, Gesang und Saitenspiel.

Reinen Seelen strahlt die Sonne,

Glänzt der Vollmond mildern Glanz.

Reinen Seelen flicht die Liebe

Ihren schönsten Myrtenkranz.

Herzenseinfalt, Herzensgüte,

Engel aus Elysien,

Leitet freundlich Hippolyten

Durch die Schlangenkrümmungen

Dieses Lebens, durch der Erde

Eitelkeit und Traum und Tand,

In der ausgeprüften Waller

Himmelhelles Vaterland.