An Hippolyta.
Immer höher, immer schwanker,
Blume, sprosst dein Halm empor.
Immer röther, immer frischer
Prangst du in dem Blumenflor.
Aufgekost vom Lenzgesäusel,
Aufgeküsst vom lauen Strahl,
Öffnest du dich tausendblättrig
Und durchduftest Hayn und Thal.
Wer bewahrt mir meine Blume,
Dass kein Frevel sie entweih,
Dass kein frecher Sturm sie knicke,
Dass der Mehlthau Schmeicheley
Ihre Blätter nicht versenge,
Dass nicht schwüle Fantasie
Ihres Halmes Saft verzehre,
Wer bewahrt, wer schirmet sie?
Einen Engel und noch Einen
Kenn' ich, meine Lieblingin,
Die die Schüchterne beschirmen:
Thätigkeit und reinen Sinn.
Jene schützt dich vor dir selber;
Dieser scheucht die Frechheit weg.
Beyde leiten sanft und sicher
Dich der Jugend Blumenweg.
Lieblich ist der Lenz des Jahres,
Lieblich, doch gefährlich auch.
Ihm entsäuseln Gift und Balsam,
Lebensodem, Todeshauch.
Liebling ist der Lenz des Lebens,
Aber auch gefahrenvoll;
Seinem Blüthenkelch entduften
Lebensweh und Lebenswohl.
Welches Ahnen, welches Bangen
Schwellt des Mädchens junge Brust?
Welches unbekannte Sehnen?
Welche träumerische Lust?
Dieses Staunen, dieses Wähnen,
Dieses dämmernde Gefühl
Ruf' es an das Licht, Geliebte!
Gib ihm Namen, Zweck und Ziel!
Jedes Sehnen, meine Theure,
Das du dir nicht laut bekennst,
Jeder schüchterne Gedanke,
Den du deinem Gott nicht nennst,
Jeder Wunsch, der scheu und blöde
Aus des Reinen Gegenwart
Wegbebt und ins Dunkel flüchtet —
Freundin, ist nicht lautrer Art.
Jede Stimmung, meine Traute,
Die in Trübsinn sich verstimmt,
Itzt in trägem Traum sich wieget,
Itzt in feigen Thränen schwimmt,
Die der Seele kranke Fibern
Itzt erschlaffet, itzt verspannt,
Stammt vom Erebus, und werde
In den Erebus verbannt.
Jeder Geck, der schöngeglättet,
Schöngefirnisst um dich kriecht,
Sich in jeder deiner Launen
Schlangenschmeidig schmiegt und fügt,
Itzt mit schalem Scherz dich peinigt,
Itzt mit Schmeicheln dich entehrt,
Kennt nicht deine wahre Würde,
Ist nicht deiner Achtung werth.
Jeder Bube, der die Tugend
Und die heilge Zucht verlacht,
Den der Unschuld Schamerröthen
Kühner nur und frecher macht —
Wär' er schön und reich und witzig,
Wär' er Fürst und Fürstensohn —
Blitze stolz den Buben nieder!
Lohn' ihm mit gerechtem Hohn!
Aber, wo du einen graden
Ernsten, festen Menschen weisst,
Der getrost das Unrecht Unrecht,
Und den Schurken Schurken heisst —
Wär' er niedrig, arm und einfach,
Trät' er schlecht und recht herein —
Dennoch acht' ihn! dennoch strebe
Seiner Achtung werth zu seyn!
Achtung achtungswerther Menschen
Sichert vor Erniedrigung.
Ehrfurcht vor sich selber rettet
Von des Thoren Huldigung.
Demuth, Sanftmuth, Wahrheit, Klarheit,
Nimmerlasse Regsamkeit,
Herzenseinfalt, Herzensgüte
Sind des Mädchens Feyerkleid.
Herzenseinfalt, Herzensgüte
Rühren siegender fürwahr,
Als der Wangen frische Rose,
Veilchenaug' und Lockenhaar;
Welken nicht mit Erdenblüthen,
Fliehn nicht mit des Lebens May,
Grünen ewig grünen Frühling,
Ewig jung und ewig neu.
Herzenseinfalt, Herzensgüte
Schaffen süsseres Gefühl,
Als der Freude Schallgelächter,
Tanz, Gesang und Saitenspiel.
Reinen Seelen strahlt die Sonne,
Glänzt der Vollmond mildern Glanz.
Reinen Seelen flicht die Liebe
Ihren schönsten Myrtenkranz.
Herzenseinfalt, Herzensgüte,
Engel aus Elysien,
Leitet freundlich Hippolyten
Durch die Schlangenkrümmungen
Dieses Lebens, durch der Erde
Eitelkeit und Traum und Tand,
In der ausgeprüften Waller
Himmelhelles Vaterland.