An Horaz

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

O du, mein Freund, mein großer Lehrer,

Verzeih, daß ich, dein alter Hörer

Und dein Bewundrer, dennoch dir

Einmal zu widersprechen wage;

Allein, die Ruhe meiner Tage,

Nicht wahr, mein Lieber, gönnst du mir?

Und diese, nicht die Streitbegier,

Zwingt mich zu einer dreisten Frage.

Ich hörte dich zu Scäva sagen:

„Wenn du mit einem Haselhuhn'

Und Chier, dir willst gütlich thun,

So schleiche dich mit hohlem Magen

Zu reicher Leute Tafel!“ – Ha!

Wie riß ich beide Augen da

Weit auf; kaum traut' ich meinen Ohren;

Denn sprich: ist Scäva nicht dein Freund?

So aber hätt' ich fast geschworen,

Er sey dein allerärgster Feind!

Und doch könnt' ich mich kaum entschließen,

Selbst einem Feinde diesen Rath

Zu geben, wenn auch in der That

Die Rache nichts kann mehr versüßen,

Als seine Feinde zu den Füßen

Der stolzen Reichen kriechen sehn.

Könnt' Aristipp, sagt Diogen,

Mit Kohle sich, wie ich, begnügen,

So würd' ihm bald die Lust vergehn,

Vor Königen im Staub' zu liegen.

„Und wüßte Diogen dagegen

Mit Königen nur umzugehn,

Er würde keinen Kohl mehr mögen.“

Wer hat von beiden Recht? Laß sehn!

Zwar, kurz besonnen, sprichst es du

Mit deinen honigsüßen Lippen,

Dem ersten ab, dem letzten zu.

So laß uns denn erst Aristippen

Um seine Gründe hören. „Ich,“

Spricht der, „ich bin ein Narr für mich,

Du für das Volk.“ – Nein! halt ein wenig,

Mein lieber Freund, nicht bloß für dich,

Auch für den Hof und für den König.

Doch, seyd ihr Narren, alle beide,

So scheint es eher zu verzeihn,

Des Königs Narr, des Hofes Freude,

Als Narr und Spott des Volks zu seyn.

Denn jenen wird ein Reitpferd tragen,

Vielleicht in einem sanften Wagen

Wohl gar vier stolze Schimmel ziehn,

Und Leckerbissen sätt'gen ihn,

Und dieser muß für seinen Magen

Um einen Kohlkopf sich bemühn;

Denn mag er noch so viel sich stellen,

Als wenn er keines Menschen Kind

Bedürfte; alles das ist Wind,

So lang auch Weiser Magen bellen.

Daß Aristipp in jede Rolle

Sich schicken kann, daß er ein Kleid

So gut von Purpur als von Wolle

Zu tragen weiß, erhebt ihn weit,

In meinen Augen, über jenen,

Der eher fadennackend läuft,

Als, statt der Lumpen, nach dem schönen

Ihm hingelegten Mantel greift.

Gib ihm die Lumpen hin, und laß

Den Narren nach Gefallen leben!

Sag' ich mit dir; doch ohne Haß,

Denn ich gesteh's, dem Mann' im Faß'

Werd' ich am ersten noch vergeben.

Zwar wirft ihm Aristippus vor,

Sein Tadler sey der größte Thor,

Weil er nur Lumperein erbitte.

Doch wie? wenn er aus freier Wahl

Selbst auf das Obdach einer Hütte

Verzicht that? Steht nicht in der Mitte

Die Wahrheit dann auch dieses mal?

Denn sage: sollt' ein Diogen

Die Kunst, nach Art der Aristippen

Mit einem Fürsten umzugehn,

Wenn er nur will, nicht auch verstehn?

Ist's denn so schwer, sich um die Klippen

Des Hofs, mit List herum zu drehn?

Nicht wahr, du gibst mir zu, am Geist'

Konnt's wohl beim Cyniker nicht liegen?

Auch hatte niemals, wie du weißt,

Ihm eines Prinzen Mißvergnügen

Den Hof verleidet; ihm allein

Blieb ja die Wahl, gleich jenem Andern

Der Freund von Königen zu seyn,

Ja selbst ein Freund von Alexandern.

Hielt er's für Niederträchtigkeit,

Den Aristippen gleich, zu heucheln,

Den Aristippen gleich, zu schmeicheln:

Sag', ist er deßhalb nicht gescheidt?

Er war ein Narr, die Welt zu fliehn,

Und sich lebendig zu begraben,

Doch immer lieber möcht' ich ihn,

Als Aristipp zum Freunde haben.

Er war ein Narr, dem Wohlstand' kühn

Zu trotzen, denn allein von Gecken

Wird das bewundert und verziehn.

Doch Aristippen, wie es scheint,

Vergibst auch du, mein weiser Freund,

Sein Schmeicheln und sein Speichellecken?

Und stellst ihn gar zum Muster vor?

Wenn ich für jenen nicht entscheide,

Ist dieser drum nicht auch ein Thor?

In einem Punkte sind sie's beide.

Denn sollt' ein Freund, (wie Scäva dich,)

Für seinen Sohn um Rath mich fragen,

So würd' ich, (denn so dünkt mich's,) sagen:

Du siehst, wie beide Weise sich

Vom Mittelwege weit entfernen,

Und andrer Leute Narren sind;

Laß drum durchaus so viel dein Kind,

Um selbst sein Herr zu werden, lernen.

Nie ging die wahre Kunst nach Brod,

Wenn sie vorher dem Eigensinne,

Der Faulheit nicht die Hände bot.

Schmaust deßhalb Fliegen schon die Spinne,

Weil sie ein Netz zwar weben kann,

Allein nicht webt? Zerreißt das Eine?

Sie fängt ein andres wieder an!

Und so verhungerte noch keine.

Vielleicht, daß unser Diogen

Und Aristipp, nichts für Athen,

Ihr eigner Herr zu werden, lernten;

Vielleicht, daß jenen, Eigensinn

In seine Tonn', und diesen, hin

Nach Hofe, Gaum und Faulheit körnten.

Doch trägt im Kopf' so viel dein Sohn

Mit sich herum, um alle Tage

Sein eigner Herr zu werden: sage,

Wird er nicht dann so gut am Thron'

Der Fürsten, ohne Speichellecken,

Stehn, wie in einer Schlacht der Held?

Als, wenn's dem Schicksal' so gefällt,

In eine Hütte sich verstecken?

Er wär' ein dreimal größrer Thor

Als jene beid', und zu verachten,

Zög' er der Müh', Gold aus den Schachten

Des Fleißes ziehn, die Narrheit vor,

Den Dionysen kriechend schmeicheln,

Wie Aristipp; wie Diogen

Aus seinem Narrenfaß' nach Eicheln

Mit Bären in den Wald zu gehn.

Den Großen dieser Welt gefallen,

Ist freilich nicht das kleinste Lob;

Doch wird's zum kleinsten unter allen,

Wenn Ehr' uns nicht dahin erhob.

Nun sage selbst: war Dionys,

So, wie einst Plato ihn verließ,

Der Mann wohl, dessen Freundschaft Ehre

Für dich, mein Freund, gewesen wäre?

Und möchtest du sie um den Preis,

Wie Aristipp sie kaufte, kaufen?

Ich würde wenigstens, wer weiß,

Wie weit? vor seiner Freundschaft laufen.

Nicht jedermann kommt nach Corinth!

Doch angewandt auf Dionysen:

Hat der sich einen Mann bewiesen,

Der den Tyrannen zwar gewinnt;

Doch wie? weil er, darnach er weht,

Den Mantel nach dem Winde dreht?

Gesetzt, die Kunst sey noch so schwer:

Ist sie auch edel? Nimmermehr!

Laß Aristippen also wagen,

So viel er will: wie mir es scheint,

Gebührt ihm drum nicht Ehre, Freund!

Belohnung aber seinem Magen.

Die Ehre, laß für die Platonen

Uns sparen, die die Weisheit frei

Selbst dann noch sagen, an den Thronen

Der Fürsten, wenn die Schmeichelei

Mit ihrem Dolch' im Finstern schleicht,

Den edlen Weisen aufzupassen,

Die, billigt das der Fürst, so leicht

Den Hof, als Plato einst, verlassen.

Bewundern kann ich zwar den Mann,

Der, dreifach Erz um seinen Busen,

Des Hofes Circen und Medusen,

Ja Dionysen trotzen kann:

Beneiden aber, Freund, nur den,

Der nicht darf streiten mit Chikane,

Wie Plato nicht auf Laster schmähn,

Und nicht, gleich einer Wetterfahne,

Wie Aristippus, sich muß drehn;

Der bei dem Weisen kann ein Weiser,

Und, ist sein Rang auch noch so klein,

Sein Freund, wie du von deinem Kaiser,

Selbst darf an Gallatagen seyn.

Hat der sich einen Mann gezeigt,

Wer, Plato gleich, der Fürsten Gnade,

So wie die Gunst des Volkes, leicht

Entbehren kann, und von dem Pfade

Der Weisheit, keinen Schritt breit weicht?

Mir deucht, so ist's, mein lieber Lehrer!

Denn das erstreben, scheint mir schwerer,

Als Aristippus niedre Kunst,

Und seines Gegners blauer Dunst.

Was zwischen Schlangenglatter Sitte

Des Einen, und dem Charonsbart'

Des Andern, just steht in der Mitte:

Das nur ist wahre Lebensart.

Was zwischen jenem, der nur weise

Für seinen Magen schien zu seyn,

Und diesem, der zu seiner Speise

Wohl Eicheln nähm', um sich allein

Zu leben, in der Mitte steht:

Das, lieber Freund, muß Tugend seyn.

Sonst ist ihr Nam' ein Schall, verweht

Von jedem Hauche der Sophisten.

Denn, Freund! mit Selbstgenügsamkeit,

Wie unser Cyniker, sich brüsten,

Verdient' auf wüster Insel Neid;

Doch will er unter Menschen leben,

So leb' er ihnen und auch sich:

Nur immer nehmen, niemals geben,

Wie Aristippus, mag, für mich,

Klug heißen, nur nicht edel. Sprich,

Mißfallen dir selbst die Entwürfe

Der närrischstolzen Selbstsucht nicht?

Sie thut auf's Nehmen bloß Verzicht,

Damit sie nur nichts geben dürfe.

Ein Weiser nimmt nur das nicht an,

Was ihm das Laster beut; durch Bohnen

Wird ihn sein eigner Fleiß belohnen,

Und Ruh', des Fleißes Schwester, dann

Mit ihm in seiner Hütte wohnen;

Und das ist mehr, als ein Tyrann

Aus seinen Schätzen bieten kann.

Doch laß uns ohne Fleiß und Müh'

Falerner aus dem Becher schlürfen,

Und keines Menschen uns bedürfen:

Nun, so bedürfen unser sie!

Was dir zu viel die Ahnen gaben,

Um froh zu seyn, verschwende nie,

Das theile du mit allen, die,

Um froh zu seyn, zu wenig haben.

Des Menschen Schicksal ist entschieden,

Eh' selbst er weiß, was einst zum Frieden

Für seine Seele dienen wird;

Denn ehe wir noch weise werden,

Sind unsere Füße hier auf Erden

In tausend Netzen schon verwirrt.

Zerreißen wird sie nur der Weise,

Wenn er in seinem Wirkungskreise

Für seinen Geist zu eng sich dünkt;

Zerreißen wird er seine Bande,

Sobald darin mit ihm die Schande,

Wenn gleich aus goldnen Bechern, trinkt.

Sonst bleibt er stehn auf seinem Posten,

Sich immer gleich; regt keinen Fuß

Darnach, den Wein von Syrakus,

Das Wasser bei Athen, zu kosten.

Ist er mit Ehre was er ist,

So sey er was er will. Das Wählen

Steht selten erst bei uns. So bist

Auch du, um nichts dir zu verhehlen,

In meinem Aug' ein Biedermann,

Wenn deine Muse bei dem Kaiser

Auf Lob', um ihn zu bessern, sann.

Aus klugem Lob' wird leicht ein Weiser,

Aus Schmeichelei wird ein Tyrann.