An Luise

By Nikolaus Lenau

Written 1835-01-01 - 1835-01-01

Ich höre nicht den Sarg verhämmern,

Wie Freundespflicht mir sonst gebot,

Doch denk ich hier im Waldesdämmern

Einsam gerührt an deinen Tod.

Nun läuten die Begräbnisglocken,

Der Wind, bewegt von ihrem Klang,

Flieht in den Wald, und Blütenflocken

Streift er von allen Zweigen bang.

Die jungen Blüten zittern leise

Und freudig nieder in den Staub,

Als das Gefolge deiner Reise

Sind gerne sie des Todes Raub. –

Du bist mir nah im Waldesgrunde

In der Erinnrung ewgem Strahl,

Wie einst in jener Abendstunde,

Als ich dich sah zum letzten Mal!

Ich schau dein Angesicht, dein bleiches,

Das tiefe Schwermut überzieht,

Ich schau dein Aug, dein dunkles, weiches,

Wie es in andre Welten sieht;

Und wie du ins Klavier versunken,

So träumerisch, so ernst und mild,

Und wie dem Liede, himmelstrunken,

Du selber wirst ein schönes Bild;

Wie dich der große Geist umranket,

Den sie Beethoven nannten hie,

Wie deine zarte Bildung schwanket

Im Sturme seiner Melodie;

Der Geist, dem seliges Verderben

Das Erdenleben sich entlauscht,

In dessen Lied viel süßes Sterben

Und Harmonie des Todes rauscht.

Sein Herz, von Sehnsuchtsqual zerklüftet,

Zieht dich hinab in seinen Brand,

Und deine trunkne Seele lüftet

Der Erdenhülle leichtes Band.

Mir ist das Scherzo nicht verklungen,

Wo nach Adagios wildem Schrei

Der heiße Schmerz sich matt gerungen

Zu träumerischer Tändelei:

So spielt der Jüngling an der Bahre

Der Braut, wenn schon das Herz ihm bricht,

Noch tändelnd mit dem Lockenhaare,

Und starrend in ihr tot Gesicht. –

Du bist dahin! Nichts konnte retten

Und halten dich bei uns zurück,

Kalt knickte alle Liebesketten

Das unerbittliche Geschick.

Es brachte dir in Sterbensstunden

Die frommgetäuschte gute Frau

Im letzten Wahn, du sollst gesunden,

Noch einen Becher Maientau.

Aufblüht die Heideblume wieder,

Die schon dem Tode nickte zu,

Weint still die Nacht ihr Mitleid nieder,

Doch nicht, gebrochne Blume, du! –

Mich Fernen auch erfaßt die Klage,

Die mich dem Waldesgrund entreißt,

Mir flieht das Bild vergangner Tage,

An deinem Sarge steht mein Geist.

Um den sie alle weinen müssen,

Du Jungfrau hold! zu deinem Schrein

Drängt sich, dich einmal noch zu küssen,

Dein Herzensfreund, der Frühling ein.

Das bange Scherzo hör ich klingen

Um dich, so starr und still du auch,

Mit deines Haares dunkeln Ringen

Spielt schmerzlich noch des Frühlings Hauch.

Jetzt aber wird der Sarg geschlossen,

Auf immer deine Lichtgestalt

Aus unserm Angesicht verstoßen;

Im Schollenwurf dein Lied verhallt.

Nur deine Mutter hör ich weinen;

O schwiege doch der Freunde Trost!

Für eine Mutter gibt es keinen,

Ein Dolch ins Herz ist ihr sein Frost.

Dem Schmerz nach ihrem lieben Kinde

Bleibt bis zum Tod ihr Herz geweiht,

Wenn auch des Trostes kühle Rinde

Den Freunden einst dein Grab verschneit.

Und soll sie einst dich wiederhaben,

Durchzuckt das weiche Mutterherz,

Daß sie dich hier so früh begraben,

Im Himmel noch ein leiser Schmerz.