An Magdalena Schwarz.
Meine Freundin, es ist der Tag der Pfingsten
erschienen.
Ihn umarmet der Tag, welcher ins Leben
dich rief —
In diess dämmernde Leben, das einst ein Traum
uns gemahnet,
Wann den entkerkerten Geist Wahrheit und
Freyheit umstrahlt;
In diess seufzende Rund, das nur als Schwelle des
Himmels
Unsre Liebe verdient; in diess polarische
Land,
Dessen Nächte nur sparsam der Meinungen Nordlicht
durchflimmert,
Dessen ewiges Eis, Liebe, dein Athem
nicht schmelzt;
In diess Siberien, wo, gleich einem flüchtigen
Freunde,
Schüchtern die Freud' uns besucht, schnell
uns umhalset und flieht;
„wo die Gegenwart Wund' ist, und die Vergan-
genheit Narbe;“
Wo die Besten von uns Früchte nicht tra-
gen, nur Laub;
Wo wir klimmen auf staubigen Stufen der Thorheit
und Sünde,
Zu der Vollkommenheit leuchtendem Tempel
hinan.
Meine Freundin, ich wollte zum fröhlichen Tage
der Pfingsten
Dir ein fröhliches Lied dichten; ich wollte
dein Lob,
Das schon lange den Busen mir wärmet, mit Einfalt
der Wahrheit,
Nicht mit der Dichtungen Schmuck einmal
nur singen, und nie.
Aber es hüllt mir die Seel' ein unauswölkbares
Dunkel;
Regengedanken umwehn meinen umnach-
teten Geist;
Grauer Schatten umflort den weissen Brautschmuck
des Frühlings;
Feuchter Nebelduft hüllet das freundliche
Grün.
Diese blühende Welt und jener lasurene Him-
mel,
Dieses prangende All däucht mir ein wöl-
bendes Grab,
Drinnen tausendmal tausend geborstene Herzen ver-
wesen
(ach, sie schwollen so voll einst von Ent-
zücken und Schmerz);
Drinnen zusammengesunken in wenige stiebende
Asche
An des Bräutigams Brust ruhet die schlum-
mernde Braut.
Die du uns trägst und begräbst, wer zählet, o Erde,
die Stummen,
Welche schlafen in dir, welche kein Hahnen-
ruf weckt!