An Magdalena Schwarz.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Meine Freundin, es ist der Tag der Pfingsten

erschienen.

Ihn umarmet der Tag, welcher ins Leben

dich rief —

In diess dämmernde Leben, das einst ein Traum

uns gemahnet,

Wann den entkerkerten Geist Wahrheit und

Freyheit umstrahlt;

In diess seufzende Rund, das nur als Schwelle des

Himmels

Unsre Liebe verdient; in diess polarische

Land,

Dessen Nächte nur sparsam der Meinungen Nordlicht

durchflimmert,

Dessen ewiges Eis, Liebe, dein Athem

nicht schmelzt;

In diess Siberien, wo, gleich einem flüchtigen

Freunde,

Schüchtern die Freud' uns besucht, schnell

uns umhalset und flieht;

„wo die Gegenwart Wund' ist, und die Vergan-

genheit Narbe;“

Wo die Besten von uns Früchte nicht tra-

gen, nur Laub;

Wo wir klimmen auf staubigen Stufen der Thorheit

und Sünde,

Zu der Vollkommenheit leuchtendem Tempel

hinan.

Meine Freundin, ich wollte zum fröhlichen Tage

der Pfingsten

Dir ein fröhliches Lied dichten; ich wollte

dein Lob,

Das schon lange den Busen mir wärmet, mit Einfalt

der Wahrheit,

Nicht mit der Dichtungen Schmuck einmal

nur singen, und nie.

Aber es hüllt mir die Seel' ein unauswölkbares

Dunkel;

Regengedanken umwehn meinen umnach-

teten Geist;

Grauer Schatten umflort den weissen Brautschmuck

des Frühlings;

Feuchter Nebelduft hüllet das freundliche

Grün.

Diese blühende Welt und jener lasurene Him-

mel,

Dieses prangende All däucht mir ein wöl-

bendes Grab,

Drinnen tausendmal tausend geborstene Herzen ver-

wesen

(ach, sie schwollen so voll einst von Ent-

zücken und Schmerz);

Drinnen zusammengesunken in wenige stiebende

Asche

An des Bräutigams Brust ruhet die schlum-

mernde Braut.

Die du uns trägst und begräbst, wer zählet, o Erde,

die Stummen,

Welche schlafen in dir, welche kein Hahnen-

ruf weckt!