An meine pompejanische Lampe

By Hermann von Lingg

Written 1862-01-01 - 1862-01-01

Werd' ich von dir mich müssen scheiden,

Trauliche Leuchte, holdes Licht?

Wie mild dein Glanz in meine Leiden

Versöhnung bringt und ruhig spricht:

Verzage nicht!

Ich will mit frischem Öl dich netzen:

Es quillt ein Schlummer aus dem Mohn.

Was könnte mir dein Licht ersetzen?

Es leuchtet mir zum Helikon

Aus dunklem Thon.

Wenn heim der Wandrer vom Vesuve

Dich Totenlampe mitgebracht,

So war's zum freundlichen Berufe,

Daß du ihm leuchtest neuentfacht

In stiller Nacht.

Gedenkst du auch noch deines Hauses?

Aus einer Marmorlarve sprang

Ein Brunnen fröhlichen Gebrauses

Und rauschte schöne Nächte lang

Im Säulengang.

Erinnerst du dich noch des Alten

Vor Rollen in dem Schlafgemach,

Der sorglich dich emporgehalten,

Die Siegel auf dem Brief erbrach

Und Griechisch sprach?

Bei Schatten, Freundin meiner Muße,

Verschliefst du ein Jahrtausend, taub

Dem Licht und seinem holden Gruße,

Im Grabmal bei der Flammen Raub,

In Schutt und Staub.

Nun horchst du wieder Menschenträumen,

Der Nachtluft stillem Atemzug.

Es kommt zu dir aus Blütebäumen

Die Motte, die zu dir im Flug

Begierde trug.

Doch ach, anstatt zu fernen Liedern,

Scheinst du vielleicht bald meiner Gruft;

Den kalten Gruß mußt du erwidern

Der Leichenkerze, statt dem Duft

Der Frühlingsluft.

Die Seele, der dein Licht jetzt funkelt,

Tauscht, kleine Leuchte, dann mit dir

Und wandelt unten, tief umdunkelt,

Indes du oben leuchtest hier

Und zeugst von ihr.

Kommt dann ein Schmetterling geflogen,

Fragst du, wo ist der Freund denn jetzt,

Mit dem ich oft Gespräch gepflogen,

Der spät sich noch zu mir gesetzt

Und mich genetzt?

Nein, wache nur ob einem Schlummer,

Der Tagesmühen unterbricht!

In Traum versinke Gram und Kummer –

Du traute Leuchte, holdes Licht,

Erlisch noch nicht!