An meine Tochter Allwine Louise.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Erstlingstochter heil'ger Liebe,

Meine Hoffnung, meine Freude,

Meiner Augen liebste Weide,

Mein Juwel, mein köstlichst Gut;

Dich beschwör' ich bey dem Herzen,

Draus du sprosstest, bey den Schmerzen

Jener, die dich trug und tränkte,

Bleibe schuldlos, bleibe gut!

Holde Tochter, noch beschämet

Deines Auges Glanz und Helle

Den Krystall der Gletscherquelle,

Noch Golkondens schönsten Stein.

Mögst du nie im Hauch der Sünden,

Funkelnder Brilliant, erblinden!

Mögst du ewig lautrer Spiegel

Einer lautern Seele seyn!

Wie um Blumen Bienen gaukeln,

Wie durch Blüthen Weste streifen;

Also schweif mit leichtem Schweifen

Durch das Leben froh dein Fuss.

Nie beflügle dieser Tritte

Reinen Rythmus freche Sitte.

Nimmer lähm' ihn träge Sorge,

Nie der bleyerne Verdruss!

Welches Glöckleins hellem Klingeln,

Welcher Flöte, welcher Laute

Klarem Klang' vergleich ich, Traute,

Deiner Stimme Silberschall.

Nie verfälsche dumpfes Grollen,

Finstres Zürnen, düstres Schmollen,

Feiges Wimmern dieses Glöckleins

Silberhaltiges Metall.

Holde Tochter, spross und schosse,

Fröhlich, wie die Bins' am Teiche,

Wie die Feldros' im Gesträuche,

Wie der Waizenhalm im May.

Aber rastlos sey dein Sorgen

Spät am Abend, früh am Morgen,

Dass der Leib nur schöne Fassung

Einer schönern Seele sey.

Nie von hohlem Schein geblendet,

Noch vom Netz des Trug's umwoben,

Noch von falschem Wahn verschroben,

Bleibe frommer Einfalt treu.

Feindinn jedes Rollenspieles,

Jedes lügenden Gefühles,

Wie der Äther klar und offen,

Wie der Lichtstrahl frank und frey.

Höre, Tochter, was ich bitte:

Wahr' in kindlichem Gemüthe

Lebenslänglich deine Güte,

Deine Wahrheit, Zucht und Huld,

Deine Ehrfurcht für das Sollen,

Deine Gnügsamkeit im Wollen,

Deine Innigkeit im Lieben,

Deine schweigende Geduld.

Um den Taumel lauter Freuden,

Die betäuben und ermüden,

Tausche nie den tiefen Frieden,

Der nur stilles Wirken liebt.

Seliger, als in der Menge

Herzerkaltendem Gedränge,

Fühle dich im engen Zirkel,

Der bescheidne Pflichten übt.

Süsser, als umringt vom Schwarme,

Als entflammt vom Bachanale,

Im getümmelvollen Saale

Dich in trunknen Schleifern drehn;

Süsser sey dir's, still und leise

In der Deinen trautem Kreise

Gutes schaffen, Freuden stiften

Künft'ger Erndten Saaten sä'n.

Tochter, unsers Geistes Sehnen

Strafft ein nieermattend Trachten;

Unsern Busen schwellt ein Schmachten,

Welches diese Welt nicht stillt.

Dieses Sehnen, dieses Ahnen,

Dieses ferne, leise Schwanen

Deutet auf das dunkle Jenseits,

Das sich keinem Aug' enthüllt.

Tochter, unsre Blüthen fallen.

Eine Weile kos't und tränket

Uns die grosse Mutter, senket

Freundlich lullend uns ins Grab.

Reifes, Grünes mäht der Schnitter,

Fühllos wirft das Ungewitter

Dürre Blätter, Blüthenkronen

Von dem Lebensbaum herab.

Unsre Julie keimt' und knosp'te.

Ihre Knospen sind gebrochen.

Wenig trübe Winterwochen

Weint' und lacht' und lallt' Emil.

Als das junge Jahr erlau'te

O des Jammers! sank der Traute

Von der Mutter warmen Busen

In des Grabes schaudernd Kühl.

Tochter, wähne nicht, auf immer

Werde dich der Arm beschirmen,

Welcher in des Lebens Stürmen

Itzt noch deine Schwäche stützt.

Einsam durch die Wildniss wanken,

Stablos wirst du niederschwanken,

Wenn dich nicht der Trost der Unschuld,

Und der Unschuld Retter stützt.

Drum beschwör' ich bey dem Frieden

Deiner Zukunft, bey dem Herzen,

Draus du sprosstest, bey den Schmerzen

Jener welche dich gebar;

Ich beschwöre dich und bitte:

Bleib getreu der schönern Sitte!

O mein Erstling, o mein Liebling,

Bleibe schuldlos, gut und wahr!