An meine Tochter Allwine Louise.
Erstlingstochter heil'ger Liebe,
Meine Hoffnung, meine Freude,
Meiner Augen liebste Weide,
Mein Juwel, mein köstlichst Gut;
Dich beschwör' ich bey dem Herzen,
Draus du sprosstest, bey den Schmerzen
Jener, die dich trug und tränkte,
Bleibe schuldlos, bleibe gut!
Holde Tochter, noch beschämet
Deines Auges Glanz und Helle
Den Krystall der Gletscherquelle,
Noch Golkondens schönsten Stein.
Mögst du nie im Hauch der Sünden,
Funkelnder Brilliant, erblinden!
Mögst du ewig lautrer Spiegel
Einer lautern Seele seyn!
Wie um Blumen Bienen gaukeln,
Wie durch Blüthen Weste streifen;
Also schweif mit leichtem Schweifen
Durch das Leben froh dein Fuss.
Nie beflügle dieser Tritte
Reinen Rythmus freche Sitte.
Nimmer lähm' ihn träge Sorge,
Nie der bleyerne Verdruss!
Welches Glöckleins hellem Klingeln,
Welcher Flöte, welcher Laute
Klarem Klang' vergleich ich, Traute,
Deiner Stimme Silberschall.
Nie verfälsche dumpfes Grollen,
Finstres Zürnen, düstres Schmollen,
Feiges Wimmern dieses Glöckleins
Silberhaltiges Metall.
Holde Tochter, spross und schosse,
Fröhlich, wie die Bins' am Teiche,
Wie die Feldros' im Gesträuche,
Wie der Waizenhalm im May.
Aber rastlos sey dein Sorgen
Spät am Abend, früh am Morgen,
Dass der Leib nur schöne Fassung
Einer schönern Seele sey.
Nie von hohlem Schein geblendet,
Noch vom Netz des Trug's umwoben,
Noch von falschem Wahn verschroben,
Bleibe frommer Einfalt treu.
Feindinn jedes Rollenspieles,
Jedes lügenden Gefühles,
Wie der Äther klar und offen,
Wie der Lichtstrahl frank und frey.
Höre, Tochter, was ich bitte:
Wahr' in kindlichem Gemüthe
Lebenslänglich deine Güte,
Deine Wahrheit, Zucht und Huld,
Deine Ehrfurcht für das Sollen,
Deine Gnügsamkeit im Wollen,
Deine Innigkeit im Lieben,
Deine schweigende Geduld.
Um den Taumel lauter Freuden,
Die betäuben und ermüden,
Tausche nie den tiefen Frieden,
Der nur stilles Wirken liebt.
Seliger, als in der Menge
Herzerkaltendem Gedränge,
Fühle dich im engen Zirkel,
Der bescheidne Pflichten übt.
Süsser, als umringt vom Schwarme,
Als entflammt vom Bachanale,
Im getümmelvollen Saale
Dich in trunknen Schleifern drehn;
Süsser sey dir's, still und leise
In der Deinen trautem Kreise
Gutes schaffen, Freuden stiften
Künft'ger Erndten Saaten sä'n.
Tochter, unsers Geistes Sehnen
Strafft ein nieermattend Trachten;
Unsern Busen schwellt ein Schmachten,
Welches diese Welt nicht stillt.
Dieses Sehnen, dieses Ahnen,
Dieses ferne, leise Schwanen
Deutet auf das dunkle Jenseits,
Das sich keinem Aug' enthüllt.
Tochter, unsre Blüthen fallen.
Eine Weile kos't und tränket
Uns die grosse Mutter, senket
Freundlich lullend uns ins Grab.
Reifes, Grünes mäht der Schnitter,
Fühllos wirft das Ungewitter
Dürre Blätter, Blüthenkronen
Von dem Lebensbaum herab.
Unsre Julie keimt' und knosp'te.
Ihre Knospen sind gebrochen.
Wenig trübe Winterwochen
Weint' und lacht' und lallt' Emil.
Als das junge Jahr erlau'te
O des Jammers! sank der Traute
Von der Mutter warmen Busen
In des Grabes schaudernd Kühl.
Tochter, wähne nicht, auf immer
Werde dich der Arm beschirmen,
Welcher in des Lebens Stürmen
Itzt noch deine Schwäche stützt.
Einsam durch die Wildniss wanken,
Stablos wirst du niederschwanken,
Wenn dich nicht der Trost der Unschuld,
Und der Unschuld Retter stützt.
Drum beschwör' ich bey dem Frieden
Deiner Zukunft, bey dem Herzen,
Draus du sprosstest, bey den Schmerzen
Jener welche dich gebar;
Ich beschwöre dich und bitte:
Bleib getreu der schönern Sitte!
O mein Erstling, o mein Liebling,
Bleibe schuldlos, gut und wahr!