An meinem Gebuhrts-Tage 1739 .

By Barthold Heinrich Brockes

Da, seitdem ich in der Welt, abermahl ein Jahr ver-

schwunden,

Und nunmehr des sechszigsten erster Tag sich eingefunden;

Zieh ich billig die Gedanken ganz von andern Dingen ab,

Um, in Andacht, Dem zu danken, welcher mir mein Wesen

gab,

Welcher mich bisher erhalten, mich beschirmet, mich ernährt,

Welcher mir Gesundheit, Frieden, und so manche Lust

beschehrt!

Aber, welch ein Trägheits-Nebel suchet mein Gemüht

zu füllen,

Und das helle Licht der Freuden mit Gewalt fast zu ver-

hüllen!

Die, bey diesem frohen Tag, sonst verspührte Munterkeit,

Das empfindliche Vergnügen, bey der oft erlebten Zeit,

Ist so feurig nicht, wie sonst, nicht so fühlbar, nicht so rege,

Die sonst fertigen Gedanken sind mehr, als sie pflegten, träge.

Ach, mir ist nicht ihre Quell’, noch die Ursach’ unbekannt!

Ich empfinde, wie so leicht hier auf Erden unser Stand

Der Verändrung unterworfen, wie so leicht des Unfalls

Wellen,

Die sich überall erheben, auf den Ocean der Welt,

Auch sich gegen einen jeden mit beschäumtem Brausen

schwellen,

Und zu stürzen drohen können, wär er noch so fest gestellt.

Recht empfindlich traffen mich in dem abgewichnen Jahr

Unversehne Unglücks-Fälle, wovon einer gnugsam war,

Mir viel gegenwärtigs Guts, ja auch künftigs zu vergällen.

Es ward mancher Tag in Sorgen, überdem noch manche

Nacht,

Eben durch die schwehren Sorgen Ruh- und Schlaf-los

zugebracht.

Bis ich endlich mich entschloß alles GOtt anheim zu stellen,

Gott, Der alle Welt regieret,

Gott, Der auch das Allerärgste allemahl zum Guten führet,

Gott, ohn’ welchen nichts von allen, was geschicht, gesche-

hen kann.

Wodurch ich in meinem Creuz einen neuen Muht gewann;

Und ich finde mich beruhigt, da ich Dem mich ganz ergebe,

Durch Deß unvermeidlich Wollen, und durch Dessen Gnad’

ich lebe.

Da mir von des Höchsten Hand so viel Gutes zugeflossen,

Da ich, ohn’ es zu verdienen, nicht zu zählend Guts genossen,

Da ich noch viel Gutes hab; hab ich denn auch, fiel mir ein,

Recht und Fug mich zu beschwehren? Will und muß denn

ich allein

Stets, in unverrückter Stille, unaufhörlich glücklich seyn?

Wünscht es gleich die Eigenliede, kann man es doch nicht

verlangen,

Da ich, obgleich nichts verdient, doch bereits so viel empfan-

gen.

Mich soll dieses Tages Schein

Denn mit Recht zurücke führen auf den ersten meiner Zeit.

Ich will meinen ersten Stand, voller Schwäch’ und Dürf-

tigkeit,

In der Wiegen überlegen.

Konnt’ ich damahls wohl mit Recht mich erdreisten, mich

erkühnen,

So viel Gutes zu verlangen, ohn’ es jemahls zu verdienen?

Nein. Wann ging die Zeit denn an, da sich mein Verdienst

so weit,

Mit gegründeter Befugmß, und nach Recht und Billigkeit,

Konnt’ erstrecken, nichts als Guts, lauter Segen zu verlan-

gen?

Ach, die Zeit ist noch nicht da! Warum will ich denn doch

klagen,

Und, wenn mir was menschliches überkömmt, es nicht ertra-

gen?

Die gereinigte Vernunft läßt mir diese wahren Lehren,

Die untadelhaften Schlüsse, die gegründet, billig hören.

Aber hat mir GOtt denn auch die Empfindung nicht

geschenket?

Soll ich vor des Unglücks Plagen, vor Verdruß, vor Noht

und Pein,

Und was sonst in unserm Leben, auf so manche Weis’, uns

kränket,

Wie ein Stein denn ungerühret, gänzlich unempfindlich seyn?

Dieß, so viel ich es begreife, will von uns der Schöpfer

nicht,

Sondern, daß wir, wenn wir leiden, in gelaßner Zuversicht,

Uns zu Seiner Liebe wenden, Jhn allein um Hülf’ anflehn,

Und, durch Demuht und Vertrauen, Seine Macht und Lieb’

erhöhn.

Dieses thu ich denn anitzt, grosses Wesen aller Wesen!

Der Du mich bisher zum Vorwurf Deiner Lieb’ und Huld

erlesen.

Ach, versage mir doch künftig Deine Gnad’ auch dazu

nicht!

Laß mich meines Lebens Rest anzuwenden mich bestreben,

So in Glücks-als Unglücks-Fällen, wie du es verlangst,

zu leben!

Doch, wenn ich auch noch so sehr diese meine Pflicht erkennte,

Und mir Deine Huld die Kraft, auch darnach zu thun, nicht

gönnte;

Würd ich, Deinen heil’gen Willen zu erfüllen, zu vollbringen,

Sonder Folge mich bemühn, nur umsonst mich dazu zwingen.

Soll ich denn hier auf der Welt diesen Tag noch oft erleben,

Und es stimmete mein Wünschen, auf der Welt vergnügt

zu seyn,

Mit der ewigen Vorsehung Deines Willens überein;

Ach, so wollst Du Deine Gnade zur Erkenntlichkeit ver-

leihn,

Und das Wollen und Vollbringen mir in reicher Maasse

geben!

Soll ich aber bald von hinnen, oder soll mich Creuz und

Pein

Hier noch ferner überkommen; laß bey mir das Hoffen feste,

Und die Wahrheit kräftig seyn:

der beste!