An seine Schöne, die er bey einer widrigen Begebenheit tröstet

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Mein Kind, es ist mir leid, daß wider mein Verhofen

Dein erst erzehlter Traum so plözlich eingetrofen,

Da der Gevatterbrief, den deine Schwester kriegt,

So dein- als meinen Wuntsch auf diesen Tag betriegt.

Allein bescheide dich und las das Misvergnügen

Nicht die Gelaßenheit in deiner Brust besiegen;

Du weist ja ohnedem, daß deiner Freundin List

Dich, wo sie weis und kan, zu kräncken fähig ist.

Hat diese gleich vorjezt dich auch wie sonst betrogen

Und deiner Sittsamkeit den Hochmuth vorgezogen,

So bleibt es dennoch wahr: Die stolze Werckmarie

Kriegt die Gevatterschaft, und du verdienest sie.