An Sr. Hoch-Edl. Herrn Lic. Brockes, Würdigsten Mit-Glied des Hoch-Weisen Rahts-...
Lasse, Zierde Teutscher Musen, lasse deine Saiten ruhn,
Weil der Eifer längst erloschen, Dir es jemahls gleich
zu thun.
Unsre Tichter werden nie den erhaltnen Vorzug schwächen,
Noch ein Wettstreit mit Vernunfft die gewundnen Palmen
brechen.
Laß uns Zeit, Dich zu begreiffen, setze deinem Ruhm ein Ziel,
Unsers Lichtes ist zu wenig, Deiner Strahlen sind zu viel.
Doch ich höre meinen Rath von den meisten überstimmen,
Sollen Funcken dieser Gluth in gedämpffter Asche glimmen?
Sollen diese Schrifften schweigen, die man für ein Muster
schätzt,
Und woran man nur die Kürtze, statt der Fehler ausgesetzt?
Hält man dessen Kiel zurück, der uns, wenn er will, beweget,
Hoffnung, Freude, Traurigkeit, Liebe, Furcht und Haß erreget,
Die Begierden lenckt und bessert, auf der Sachen Ursprun
führt,
Und den Reichthum der Gedancken mit der Worte Nachdr
ziert?
Nein, ihr Eifrer, irrt euch nicht! Das, was
sungen,
Ist noch nicht im innern Theil eures Hertzens eingedrungen.
Welcher sieht, wie rein Er dencket, welcher denckt, wie nett E
schreibt,
Wird im Fortgang seines Urtheils durch den Uberfluß betäub
Die Verwunderung erstickt, und verliehrt sich in der Menge,
Unser Umfang des Gemühts ist für diesen Schatz zu enge.
Das Gefühl geübter Ohren wird durch die Gewohnheit schwach
Und die lauter Wunder hören, die ermüden allgemach.
Da die Wercke der Natur hier im schönsten Riß zu finden,
Kömmt uns Furcht und Schwindel an, diese Tieffe zu ergründen
Diesen Abgrund auszumessen, diese Weite durchzugehn,
Diese Herrlichkeit zu schauen, diese Führung zu verstehn.
Und man fordert dennoch mehr? Kan man auch noch mehr ver
tragen?
Kan man bey so reicher Kost über Durst und Hunger klagen?
Wo die Weisheit ihre Taffel mit so viel Gerichten deckt,
Und den Nectar ihrer Quellen jeder ohne Mangel schmeckt.
Ist nicht, wo man mehr verlangt, als man sähig zu geniessen,
Billig Undanck oder Geitz, oder Unverstand zu schliessen?
Wie denn selbst die Lehr-Begierde sich in gleicher Schuld be
findt,
Wenn die Gräntzen die sie setzet, ausser ihren Kräfften sind.
Forscht was man euch vorgelegt, prüft was euch zu sich gezogen,
Was ihr annoch obenhin mehr bewundert als erwogen.
Glaubet, daß ein Trieb der Sehnsucht hier ein eitler Vorwitz ist,
Der in Hoffnung neuer Dinge sich bey seinem Glück vergißt
Folgt der Wahrheit auf der Spuhr, und bekennet ihr zur Ehre,
Daß zu ihrem Unterricht mehr Gedult und Zeit gehöre.
Welcher sich in
Den erquickt der Lohn der Mühe, den ergötzt der Arbeit Frucht.
Dem, der hier bereits den Kern ihrer Lehren angetroffen,
Steht bey wiederholtem Fleiß, endlich ihr Geheimniß offen.
Er durchgrübelt Wort und Zeilen, und wenn dieses offt ge-
schehn,
Werden ihm die Augen klärer, und er fängt erst an zu sehn.
Jeder Satz gleicht einem Stamm voller Blüthen, Frucht und
Säffte,
Jede Redens-Art enthält neue Zierlichkeit und Kräffte,
Jeder Blick gewährt Vergnügen, alles stimmt dem Zeugniß
bey,
Daß ein Schacht von diesen Adern tieff und unerschöpflich sey.
Wie ein Kora auf fettem Land sich in hundert Aehren breitet,
Wird aus einer engen Fluht hier ein gantzes Meer geleitet,
Wie die Hydra zehen Köpffe statt des einen von sich streckt,
Wachsen hier zehn Gründe, wenn man einen Grund ent-
deckt.
Alles scheint von Geist und Feuer, nur der Titul scheint zu trügen,
Denn es ist kein irdisches sondern himmlisches Vergnügen.
GoTT in der Natur erkennen, die in ihrem Schooß beschleust,
Was den Arm des grossen Schöpffers durch viel tausend Zun-
gen preißt.
Dieses macht, daß sich der Geist dem, was irdisch ist, entziehet,
Und das Auge der Vernunfft näher in die Sonne siehet,
Daß die Schärffe der Erkänntniß sich in jenem Licht verliehrt,
Wo der Ausfluß alles Seegens die entzückten Sinne rührt.
Solches heist, schon in der Welt GOTT in seinem Licht erkennen,
Solches heist recht inniglich gegen ihn in Liebe brennen,
Ob gleich vieler Aberglauben diesen Schimmer nicht verträgt,
Und vor GOTT und seinen Wercken Hertz und Augen nieder-
schlägt.
Aller Schein verblendet sie, aller Glantz setzt sie in Schrecken,
Moses muß sein Augesicht vor so blöden Augen decken.
Was Natur und Wort eröffnet, scheint ein unbeseelter Laut,
Dem die Schiffahrt ihres Lebens Mast und Ruder anvertrant
Dieser Jrrthum schwächt den Muht, daß er ohne Kräfft
ringet,
Und nur bey der Demmerung die gelähmten Flügel schwinget,
Daß er keinen Vorschmack fühlt der versprochnen Ewigkeit,
Die den Saamen der Betrachtung in uns allen ausgestreut.
Dieser Saame wuchert nun,
Schrifften,
Uns so wohl als jene Welt weydest Du auf diesen Trifften,
Seit Du zum Behuff der Andacht ein unsterblich Werck ve
faßt,
Und zum Bau des innern Tempels Kalck und Stein geliefe
hast.
Tadelt nun, ihr Lästerer, der Poeten Sitten-Lehre,
Daß ihr Weyhrauch den Altar reiner GOttes-Furcht entehre,
Nennet sie ein Spiel der Worte, nennet sie der Jugend Pest
Die das Unkraut schnöder Lüste bey der Unschuld wurtzel
läßt.
Nennt sie ein Sirenen-Lied, eine Zauberey der Ohren,
Wo die Wahrheit auf der Fahrt offt ihr Ancker-Seil verlohren
Sprecht, daß Plato diese Klippen schon zu jener Zeit erkann
Und die Tichter aus den Gräntzen seiner neuen Welt ve
bannt,
Schaut hieher, und denn versucht, ob diß möglich sey zu glauben
Jedes Blatt des
chel rauben,
Als auf dessen netten Zeilen man ein offnes Feld erblickt,
Wo die Wahrheit mit der Tugend in Gesellschafft Bluhme
pflückt.
Jede schmückt und krönet ihn, jede sucht ihn liebzukosen,
Sie bestreuen ihn mit Laub, sie bedecken ihn mit Rosen,
Jhre Hände winden Kräntze, ihre Stimmen ruhen nie,
Und durch so bewährte Zeugen steigt der Preiß der Poesie.
Diese lenckt durch süßen Zwang, sie verbindet Ernst mit Schertzen,
Jhrer Lehren sanffter Zug locket und gewinnt die Hertzen,
Nichts ist so gelehrt und gründlich, nichts so sinnreich und
beliebt,
Dem die Wahl gebundner Worte nicht ein neues Leben giebt.
Brocks dient völlig zum Beweiß, da wo dieser Nahme kämpffet,
Wird der Thorheit Gegen-Satz gleich in der Gebuhrt gedämpffet,
Seine Bücher voll Erbauung grünen wie ein Cedern-Wald,
Wo ein Danck-Lied froher Stimmen zu des Höchsten Lob er-
schallt.
Zur Erhohlung kanst Du nun,
gönnen,
Weil wir doch im stärcksten Tritt Dich nicht mehr erreichen
können.
Sieh Dich um, wie Dein Exempel auch ein kaltes Blut erhitzt,
Und wie mancher auf dem Wege seinen Arm mit Krücken
stützt,
Wie Dich viel in ihrem Lauff als ihr wahres Ziel betrachten,
Und, was Dir nicht ähnlich ist, keiner Folge würdig achten.
Tritt man in den Hayn der Musen, in Apollens Heiligthum,
So erklingt Dein wehrter Nahme durch so vieler Zeugen
Ruhm.
Jeder wünscht, so groß er ist, daß er Dir in etwas gleiche,
Wie viel Tichter weichen Dir, so wie ich vor ihnen weiche?
Ruh demnach, weil aller Segen Deine Palmen grün erhält,
Und kein Moder später Zeiten Deiner Wercke Glantz befällt.
Ruhe, denn dem tieffsten Schatz Deiner Weisheit nachzugraben,
Wird die Welt, die künfftig lebt, immer was zu schaffen haben.
Und ich höre fremde Sprachen, wie ihr Eifer sich bemüht,
Und in ihren wüsten Gärten Deine Bluhmen auferzieht.
Schau den Gipffel, wo du stehst. Kan man auch noch höher
steigen?
Ruhe! Doch, soll Tugend ruhn? Schweige! Wie? soll Wahr-
heit schweigen?
Nein, ich irre! fleuch die Ruhe, schreibe, trage Deine Last,
Nimm den Theil der Nacht zu Hülffe, gieb uns alles, was
Du hast,
Denn hier ist kein Wort umsonst. Können wir nicht alles fassen
Must Du Dein gesegnet Feld darum nicht verblühen lassen.
Uberfluß hebt unsern Mangel doch nicht Deine Pflichten au
Deinem Trieb und unserm Wünschen gönne beyden freye
Lauf,
Denn Dein Vorraht sättigt so, daß wir stets nach mehrer
streben,
Auch den Augen muß man nie ein so schönes Recht vergeben.
Fahre fort, sie zu entzücken. Die Erstaunung selbst erbaut,
Und die Hertzen sind schon frömmer, die man in Bewegung
schaut,
Lehre, bessre, laß uns nie ohne neuem Zunder bleiben,
Teutscher Musen Schmuck und Zier! fahre täglich fort zu
schreiben!