Anakreons Erbschaft ...

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Sollt' Anakreon itzt sterben,

Und wir wären seine Erben:

Gleim, der zweit' Anakreon,

Trüge seine Leyer billig

Vor uns übrigen davon.

Seine Gabe zum Beneiden:

Lebensweisheit einzukleiden

In der Spiele leichte Tracht,

Hat zu seinem Eigenthume

Lichtwehr schon vorlängst gemacht.

Seine Kunst, vergnügt zu scherzen,

Aller Frauenzimmer-Herzen

Sichre Ueberwinderin!

Nähme wohl mit Fug und Rechte

Unser Freund Jacobi hin!

Sein geheimes Schmachten, Sehnen

Und Frohlocken, erst der Schönen

Hartes Herz, durch Amors Pfeil

Zu verwunden, dann zu heilen,

Würde dir, o Schmidt! zu Theil.

Wein verließ er nicht, der Zecher!

Aber seine Kränz' und Becher,

Und den sorgenlosen Sinn

Ihres vorigen Besitzers,

Nähmest du, Michälis! hin.

Alles wollt' ich gern Euch gönnen,

Möcht' ich Eins nur erben können: –

Seine Taube wünscht' ich mir!

Ach! mich liebt ein holdes Mädchen,

Aber weit ist sie von hier.

Und das Mädchen liebt die Tauben,

Aber diese, sollt' ich glauben,

Liebte sie vor allen wohl,

Wenn sie käme, beide Krallen

Von des Senders Briefen voll!