Andacht-LiedUber den Spruch Matt. XX. 22

By Sigmund von Birken

Written 1653-01-01 - 1653-01-01

Gott, du Geber aller Gaben!

Sonst von niemand als von dir

Muß man alle Haabe haben,

Die uns nütz und nöhtig hier.

Vater, wir sind deine Kinder,

Du bist gut, sind wir schon Sünder,

Gibest, wann durch Jesum sich

Unser Bitten hält an dich.

Ich soll – Herr! was soll ich, bitten?

Meine Seel hat kein Gesicht

In der finstern Leibeshütten.

Mein Verstand verstehet nicht,

Was von diesen Erden-sachen

Ihn recht glücklich möge machen,

Blind wie eine Fledermaus:

Sünd sticht ihm die Augen aus.

Offtmals meynt er wol, er sehe,

Setzt ihm Fleisches-Augen ein.

Solt er, der blind in der Nähe,

In die Ferne sehend seyn?

Fleischeswill ist sein Verlangen:

Es nimmt seinen Wunsch gefangen

Wollust, Ehre, Gut und Gelt

Und der falsche Schein der Welt.

Ach! er wünscht nur meinen Schaden:

Gold macht, daß man Gott nit acht,

Pflegt zu Sünden einzuladen

Und das Herze sicher macht.

Lust verjrdischt das Gemüte,

Tritt aus der Vernunfft Gebiete.

Ehr' und Hoheit Stolz gebürt,

Der von Gott zur Hölle führt.

Weiser Vater, du weist bässer,

Was mir nütz und seelig hier.

Deinem Kind gib nicht das Messer,

Daß es etwan heischt von dir.

Ja ich bitte: wann ich wolte

Bitten, was mir schaden solte,

Wollst du mich erhören nit;

Deine Weißheit weiter siht.

Eine Bitt nur mir erfülle,

Ach gewähr mich diß allein:

Gib mir, Vater, was dein Wille;

Lehr mich dann zufrieden seyn

Und nach deinem Willen leben!

Du bist gut und wirst mir geben,

Was ich hab vonnöten hier,

Biß ich seelig komm zu dir.