Anderweitige Betrachtung der Kirsch-Blüthe.

By Barthold Heinrich Brockes

Mein GOtt, da ich hier stille stehe,

Und, mit für Lust erstarrten Blicken,

Die Blüthe, womit sich die Kirschen-Bäume schmücken,

Mit billiger Aufmercksamheit, besehe;

Entdeck’ ich auf das neu und mercke

Noch nie bemerckte Wunder-Wercke,

Die, daß man deine Macht und Lieb’ in ihnen ehrt,

Auf gantz besondre Weise, wehrt.

Es öfnen sich die braunen Knospen kaum

Die, wie wir einsten schon besehen,

Aus manchem künstlichem Gewebe selbst bestehen;

So wird man in derselben innerm Raum

Drey grüne Blätterchen gewahr,

So hohl und gantz erfüllt mit zartem Haar:

Die, wenn sie von einander gehn,

Wie grüne Blumen anzusehn.

Aus diesen siehet man drey andre steigen,

Die länglichter, und die sich in der Mitten

Als wie ein Hertz durchschnitten,

Und, aus dem Schnitt, ein nettes Blätchen zeigen.

Nachhero werden noch drey andre, welche grösser,

Fast von derselben Art erblickt,

Nur daß darin die Form von Blättern besser

Und deutlicher schon ausgedrückt.

An eines jeden Fuß, die Frucht noch mehr zu schützen,

Sieht man aufs neu zwey grüne Spitzgen sitzen;

Noch über diesen steht ein Blatt,

Das rings um seinen Fuß vier kleine Spitzen

Als ein absonderlich Gewächse hat;