Anmuht der Einsamkeit auf dem Lande.

By Barthold Heinrich Brockes

In dieser angenehmen Einöd', in diesen Schatten-reichen

Büschen

Beschäftigt sich mein stiller Geist, sich zu vergnügen, zu erfri-

schen.

Hier labet mich, in sanfter Unschuld, die ruhige Zufrieden-

heit,

Befreyt vom Hof- und Stadt-Getümmel, entfernt von

Scheelsucht, Zank und Streit.

Mit dem verhaßten Lerm der Welt, dem ich mich hier

nunmehr entzogen,

Sind auch zugleich die schwarzen Sorgen von mir gewichen,

weggeflogen.

Hier, abgesondert von dem Vorwurf, aus welchem ihre

Plagen quillen,

Fühl’ ich, nur sanfte Regungen mein ruhiges Gemüht

erfüllen.

Jm Schooß von einem tiefen Frieden, und sanfter Stille,

stellt sich mir

Des stolzen Hofes schimmernd Elend entdeckt, und sonder

Schminke, für.

Ich seh’ das Bild der eitlen Welt, ich seh’ der Götzen unsrer

Zeit,

Des Glücks, des Reichthums und der Ehre, zerbrechliche

Beschaffenheit,

Und finde, wenn auch, im Besitz, sie unsern heissen Wunsch

erfüllen,

Daß sie uns dennoch nicht vergnügen, und nimmer die

Begierden stillen.

Hier, wenn ich durch die Wiesen wandre, folgt oft mein

Blick dem schnellen Bach

In seinem ungehemmten, ew’gen und immer regen Laufe

nach.

Sein stets ununterbrochnes Rennen scheint mir von meinem

regen Leben

Ein recht natürlich lebhaft Bild und wahres Gleichniß

abzugeben.

Wie so viel Millionen Wellen auf seiner äussern Fläch’

entstanden,

Von welchen, da sie nicht mehr da, nicht die geringste Spuhr

vorhanden;

So sieht man alle Menschen auch entstehen, leben, bald

verdrungen,

Und in dem Meer der Ewigkeit unwiederbringlich einge-

schlungen.

Die Stille, die hier überall so Feld als Wald bedeckt und

füllt,

Vergleichet sich mit jener Stille, und scheint ein sanftes

Ebenbild

Von jener ewig- sel’gen Ruh, die, wenn man auf den

Schöpfer denket,

Die ewige selbständ’ge Lieb’, uns hier bereits der Glaube

schenket.

Ist denn der Lerm in dieser Welt, ja der Besitz von allen

Reichen,

Mit diesem Bilde jener Stille, die künftig ist, wohl zu ver-

gleichen?

Nur in der Stille kann die Seele ihr eigentliches Wesen

finden,

Nur in der Stille kann sie das, was in und ausser ihr,

ergründen,

Nur in der Stille (durch die Vorwürf’, die sie zerstreuen,

ungestöhrt)

Wird sie zur Andacht mehr geschickt, und GOtt am würdig-

sten geehrt.

Ach, möchte denn die sanfte Stille, die wir im kühlen Walde

spühren,

Uns kräftiger, als wie bisher, die ungerührte Seele rühren,

Uns den geheimen Zug entdecken, der wirklich in der Seelen

steckt,

Da oftermahls ein tiefer Wald ein süsses Schaudern ihr

erweckt!

Ach, möchten uns, wenn wir allein, der holden Stille

Süßigkeiten,

Zu jener ewig- sel’gen Stille, schon hier auf Erden, vorbe-

reiten!