Anmuhtige Vorwürfe im Walde.

By Barthold Heinrich Brockes

Nachdem ich den gefundnen Wald, mit noch vier Gängen,

zieren lassen,

So, daß wir immer drey Alleen,

Wenn wir in eine treten, sehen;

Und wir, an einem schönen Tag’ im Frühling, in demselben

sassen,

Das junge Laub entspriessen sah’n, der Vögel süsse Stimmen

hörten,

Nicht minder der vergnügten Frösche,

Auch uns vergnügendes Gewäsche,

Womit sie, durch ihr sanftes

gen, auch belehrten;

Rieth einer, damit wir das Gurgeln, wovon die ganze Luft

erfüllt,

Noch deutlicher verstehen mögten, und noch vernehmlicher

genössen,

Daß wir, um schärfer noch zu hören, auf kurze Zeit die Augen

schlössen.

Hiedurch nun schärft- und stärkten sich

Die Kräfte des Gehörs. Das sanfte Musiciren

War merklich hell- und deutlicher zu spühren.

Die Lieblichkeit des Tons schien ausserordentlich

Zu wachsen, sich zu nähren, sich zu mehren.

Ein angenehm Concert, ein süß-gemischter Schall,

War überall,

Als wär die ganze Luft davon erfüllt, zu hören.

Kaum war nun, durch die Lieblichkeit

Der auch, durchs Ohr, so holden Lenzen-Zeit,

Das Herz der Hörer stark gerühret;

Als man von ungefehr ein neu Ergetzen spühret.

Wir hörten allgemach ein sanft Bewegen,

In der bedeckten Luft, entstehn.

Es fiel ein lau- ein sanft- und angenehmer Regen

Mit einem rauschenden Getön.

Es tropft’ ein unverhofftes Naß

Auf das noch junge Laub und Gras,

Das nicht nur bloß, da man es rauschen hörte,

Die Anmuht durchs Gehör vermehrte;

Nein, welches durchs Gesicht zugleich, in unsrer Brust,

Noch eine neue Lust,

Auf unterschiedne Weis’, erregte,

Indem ein heller Glanz sich in die Feuchtigkeit

Der erst benetzten Stämm’ und Zweige prägte,

Wodurch sie, wo sie nicht bedeckt vom jungen Grünen,

Als wären sie versilbert, schienen.

Allein, was unsern Blick weit mehr annoch ergetzte,

Ja uns fast in Erstaunen setzte,

War, als ich linker Hand,

Und etwas Westen-werts mich rückwerts wandt,

Und ein so herrliches Spectakel fand,

Daß keiner sich den hellen Schein

Wird vorzustellen fähig seyn.

Der ganze Wald schien voll Brillanten,

Voll Millionen Diamanten.

Man sah von aller Reiser Spitzen

Ein funkelnd, bunt und strahlend Blitzen,

Wie lauter Zitter-Nadeln, glimmern.

So tief der Blick durchs Buschwerk dringen kunnt,

War alles funkelnd, hell und bunt,

Sah man ein allgemeines Schimmern.

Die Pracht und Schönheit nun entstund,

Da, an der Eichen harten Zweigen,

Die Blätter sich noch sparsam zeigen,

Und sich daran noch nicht viel Laub befand;

Hingegen an der Knospen Heer, das erst an auszubrechen

fing,

Ein ungezähltes Heer von Tropfen, vom erst gefallnen Regen,

hing,

Und daß von ungefehr den Augenblick hernach,

Der Schönheit und des Lichts, der Farb- und Strahlen

Quelle,

Das Sonnen-Licht, durch eine dünne Stelle

Der sonsten dick- und falben Wolken, brach.

Hiedurch ward augenblicks der ganze Wald

Mit einer flammenden Gestalt,

Durch das durchstrahlte Heer der Tropfen, angefüllt.

Unmöglich kann sich der ein ähnlich Bild

Von aller dieser Schönheit machen,

Der, wie es so gar wunderschön,

Nicht selber angesehn.

Wir waren all’ hiedurch ganz eingenommen,

Und konnten uns nicht satt an allem Glanz,

An aller Pracht der Gluht, wodurch die Fluht entglom-

men,

Und aller Schönheit sehn, als wir den bunten Kranz

Des Firmaments, des Himmels bunten Bogen,

Wie er sich Osten-werts gezogen,

Wo seiner Farben Pracht den halben Himmel schmückten,

Mit noch vermehrter Lust, durch das Gesträuch, er-

blickten.

Mein, von so manchem Glanz, ganz angefüllter Sinn

Sah denn auch ganz erstaunt dahin,

Und wußte sich für Anmuht kaum zu lassen,

Noch alle Lust, für gar zu vieler Lust, zu fassen.

Ich sahe denn, mit recht gerührter Brust,

Durch des Gebüsches Glanz, der schönen Farben Pracht,

Und lobte Den, Der sie gemacht,

Und lobte Den, Der Farb’ und Licht

Den Creaturen eingesenket,

Und Der mit solchem Ueberfluß,

Auch zu derselbigen Genuß,

Das nimmer gnug zu schätzende Gesicht,

Der Augen Wunderwerk, die Kraft zu sehn geschenket,

Mit einem beygefügten Flehen:

Daß, weil man sonder Geist und Denken,

Nicht wirklich siehet, was man sieht,

Er uns ein achtsames Gemüht,

Für Seine Wunder, wolle schenken!