Antwort der Schwester

By Luise Hensel

Written 1828-01-01 - 1828-01-01

Wie rührt' ich sonst die Leier

So gern an diesem Tag

Und sang zur Morgenfeier

Die muntern Vöglein wach.

Ich sann in stillen Thränen

Der Wehmuth und der Lust,

Von Hoffen und von Sehnen

Bewegt in tiefer Brust.

Und Lied und holde Worte,

Was nur von Liebe spricht,

Das ging aus dunkler Pforte

An's helle Tageslicht.

Wie grüßte Dich so gerne

Auch heut' ein fröhlich Lied,

Das hell durch alle Ferne,

Durch alle Nebel zieht.

Ach, aber all' mein Singen

Und all' mein Leierspiel,

Das will mir nicht gelingen,

Das nutzet mir nicht viel.

Es lagern bange Sorgen

Um mein geängstet Herz;

Den Abend wie den Morgen

Ist immer wach der Schmerz:

Bis jede Schuld sich büßte

Und Gnadenworte wehn,

Willst, Armer, durch die Wüste

Mit wunden Füßen gehn.

Ich denke Deines Leides

Und weine für und für;

Ich denke Deines Streites

Und streite ihn mit Dir.

Und, Freund! in solchen Stunden

Da klingt kein Leierspiel;

Drum sei auch Du durch Wunden

Gegrüßet oft und viel;

Durch Jesu heil'ge Wunden

Und durch Mariä Schmerz,

Daran wohl mag gesunden

Jedwedes kranke Herz;

Damit wohl überwindet

Jedweder Kämpfer gut,

Darin wohl Ruhe findet,

Wer nirgendwo geruht.

Und der im Dornenkranze

Für Dich am Kreuz verschied

Und nun im ew'gen Glanze

Auf Dich hernieder sieht:

Der neige Seine Palmen

Dem frommen Streiter hin

Und wecke Dir zu Psalmen

Den schwer gedrückten Sinn;

Der wolle Siegesfreude

Und Frieden Dir verleihn,

Der woll' im heil'gen Streite

Dir Schild und Harnisch sein!

Drum wende Deine Tritte

Vom falschen Glanze fern

Und baue Deine Hütte

Im Gnadenlicht des Herrn.

Dann wird mit ew'ger Krone

Dein Ringen Dir gelohnt

Dort, wo an Gottes Throne

Manch frommer Kämpfer wohnt.