Arkona .
Die Sonne neigte sich. Zu athmen, nach der
Schwüle
Und nach der Last des Tags, des Abends frische
Kühle,
Entriss ich lechzend mich der Mauren dumpfem
Brand,
Und wandelte hinab zum schöngebognen Strand.
Kein Lüftchen kräuselte des Meeres Spiegelglätte;
Der Seehund sonnte sich auf dem granitnen Bette.
Die Taucher plätscherten, es scherzten Möw' und
Schwan
Im lauen Ocean.
Und tiefer sank die Sonn'. Getaucht in Rosen-
gluthen,
Bespühlt den rauhen Fuss mit düstergrünen Flu-
then,
Lagst du, der Väter Stolz, der alten Rugia
Gepries'nes Kapitol,
Ich nahte mich, erklomm des Burgrings schroffe
Zacken,
Beschritt mit dreistem Fuss des heilgen Hügels
Nacken,
Und schaute schrankenlos fern über Land und
See
Ins Unermessliche.
Wie schwoll die Brust, wie schlug in immer
raschern Schlägen
Dem ungemessnen Raum das rege Herz entgegen!
Den lautern Ätherstrom, so labend, frisch und
rein,
Wie lüstern schlürften ihn der Lunge Röhren
ein!
Der eingepressten Brust entstürzten Felsenblöcke,
Dem zugeschnürten Aug' entrollten Bind' und
Decke.
Des Stoffes Rinde borst; der Schwere Fessel
sprang;
Der Thierheit Brodem sank.
Und tiefer sank die Sonn'. Schon küssten ihr
die Wange
Der Woge Wallungen, doch schauernd noch und
bange.
Noch warf die Liebende des Abschieds milden
Blick,
Den Blick des Lebewohls auf ihre Welt zurück.
Noch glühten, angeblitzt von ihrem letzten
Strahle,
Der Dünen Silberschnee, die grauen Heldenmaale.
Itzt tauchte sie — so taucht ein Menschenfreund
ins Grab —
Die blaue Fluth hinab.
„fahr wohl, du mildes Licht!“ erseufzt' ich,
schaute sehnend
Der Heimgegangnen nach; und staunend, träumend,
wähnend,
Verlor ich mich, bis mir die Wirklichkeit ver-
schwand,
Und rings vor meinem Blick ein selig Eden stand.
Ein magisch Licht umschwamm die schimmernde
Musive
Der Landschaft; sanft verschmolz in blauer Per-
spective
Die Ferne; rings umfloss ein heilig Dunkelklar
Arkonens Hochaltar.
Noch stand ich aufgelöst in ahnungtrunknes
Staunen;
Da hört' ichs mir ins Ohr, wie Geistgeflister
raunen:
„knie nieder und bet' an!“ Ich kniet' ins falbe
Moos,
Und also rang es sich aus meinem Innern los:
„o du — wie nenn' ich dich, dem alle Busen
wallen,
„und alle Herzen glühn, und alle Zungen lallen —
Foh,
Eloah, Allah, O!“
„sey, wer du seyst, du bist! Ja, Wesen
aller Wesen,
„ich glaube, dass du bist! Ich glaub' und bin ge-
nesen!
„ruhlechzend lehnt an dir der Grübelns müde Geist,
„den rastlos der Begriff in ewgem Wirbel reisst.
„mag gleich dein Wie und Wo kein Syllogism
erklügeln,
„kein Seherblick erspähn, kein Vedam uns entsie-
geln,
„mag faseln der Epopt, und spötteln der So-
phist —
Ich
„es zeuget, dass du seyst, die Harmonie der
Sphären.
„der Himmel ruft's der Erd', die Erde ruft's den
Meeren,
„das Meer den Inseln zu, die seine Fluth bespühlt;
„es zeugt's der Donnersturm, das Lüftchen, das
uns kühlt;
„die Katarakte zeugt's, die wild der Alp' entstrudelt;
„der Vulkan, dessen Schlund geschmolzne Felsen
sprudelt,
„der Eichwald und das Moos, der Lotos und der
Tang,
Das Sandkorn und Montblanc.
„es zeuget, dass du seyst, der göttliche Ge-
danke,
„der jeden Zwang verschmäht und spottet jeder
Schranke,
„den Himmel itzt erfliegt, zur Hölle dann sich senkt,
„das All, sein eignes Ich, und dich, Erhabner,
denkt.
„die ernste Stimme zeugt's, die nimmer schweigt
noch heuchelt,
„die nie dem Triebe frohnt, und nie den Lüsten
schmeichelt,
„die, wenn der Sinn sich sträubt, und wenn die
Neigung schmollt,
Gebietend spricht:
„ich soll! ich kann! ich will! Die Fessel ist
zerbrochen!
„erhabnes Pflichtgesetz, du hast mich freyge-
sprochen!
„nothwendigkeit, dein Sklav streift deine Fesseln
ab,
„und schaut ein Geist, ein Held, ein Gott, auf
dich herab!
„verschmäh' es, Trefflicher, dem Eiteln nachzu-
schmachten!
„dir ziemt durch Heiligkeit nach Seligkeit zu
trachten!
„o du, der heilig ist, o du, der selig ist,
„ich glaube, dass du bist!“
So rufend schaut' ich auf — und sieh'! des Spät-
roths Gluthen
Erblassten. Schwer und tief hing auf die schwarzen
Fluthen
Und auf der Dünen Schnee ein Trauerflor hinab.
Noch war erhaben still die Schöpfung, wie ein Grab.
Schon rauscht es fern; der Sturm erwacht; die
Wogen grollen;
Es blitzt in Süd und West; in Süd und Westen
rollen
Die Donner. Dumpf erklingt die hohle Uferwand,
Dumpf Jasmunds Riesenstrand.
Und reissend, wie ein Pfeil, geschnellt vom
eibnen Bogen,
Kam, wie ein Weltgericht, das Wetter hergeflogen.
In wildem Aufruhr gohr die Luft, das Meer, das
Land;
Die Brandung geisselte den schaumbesprützten Strand;
Dem Wolkenschwall entschoss ein Knäuel weisser
Flammen;
Ein friedlich Dörflein sank in Schutt und Graus zu-
sammen;
Der Hagel schlug die Saat, und ein entmastet
Schiff
Zerschellt' am Felsenriff.
Und durch den lauten Sturm und durch der
Donner Dröhnen
Erscholl der Schrey der Angst, des Jammers dumpfes
Stöhnen.
Mich wehten Schauder an. Mich fasste blitzge-
schwind
Und schüttelt' Hünenstark der Zweifel Wirbelwind.
Gestemmt auf meinen Grimm schaut' ich mit bitterm
Hohne
Und frevelm Trotz empor zum blitzumschossnen
Throne
Des Donnerschleuderers, und rief mit frechem Spott:
„thor, wo ist nun dein Gott?“
„wo ist der Selge nun, der Heilge, der Ge-
rechte!
„orkane weckt sein Hauch, sein Schnauben Wetter-
nächte.
„hier raucht des Armen Saat; dort dampft sein
Halmendach.
„dort stöhnt ein Scheiternder, gequetscht vom Wel-
lenschlag.
„triumph! den Selgen ehrt die Todesangst der
Seinen.
„victoria! ihn preis't der Unschuld lautes Wei-
nen.
„ihm ist der Wuth Geheul, des Wahnsinns Phre-
nesie
„erhabne Psalmodie.“
So wird dem Sturm die Spreu, so ward ich dir
zum Raube,
Megäre Zweifelsucht! Geknicket war mein Glaube.
Gestaltlos grauste mich die Schöpfung, ein Tyrann
Der Schöpfer, kalt und starr ein eisern Fatum
an.
Von seinem Drachenschweif umschlungen und zer-
quetschet,
Von Larven angegrins't, von Furien angefletschet,
Mit ausgeschöpfter Kraft und ausgelöschtem Sinn
Sank ich aufs Antlitz hin.
Als hätte Gottes Strahl mich in den Staub ge-
schmettert,
Vom Ouragan umheult, vom Hagelsturm um-
wettert,
Lag ich gedankenlos, und mancher schwere Schlag
Erschütterte den Grund, auf dem der Zweifler
lag.
Noch immer läuteten des Donners Aufruhrglocken;
Die Flammen leckten mir an den durchnässten
Locken.
Itzt peitscht' ein Schlossenschwall, und itzt ein
Wolkenbruch,
Den Gipfel, der mich trug.
Zwey schwarze Stunden flohn. Itzt war der
Blitze Köcher,
Der Schlossen Schatz erschöpft. Es grollte ferner,
schwächer.
Ein lindes Säuseln rann durch die erfrischte Luft,
Und der erquickten Flur entwallte Opferduft.
Ich taumelt' auf. Und sieh! zerrissen war der
Schleyer
Der andern Welt. Es steht an Tagen grosser
Feyer
Ein Allerheiligstes. So stand in hehrer Pracht
Die vollgestirnte Nacht.
Wie strudelte, wie wogt' aus undenkbaren Fernen
Der Orellanastrom von Sonnen, Monden, Sternen!
Wie äugelten so mild aus dem saphyrnen Guss
Die weisse Azimech, der rothe Regulus!
Es rollte Welt an Welt, es brauste Sonn' in Sonne —
Ein seliges Gewühl von Leben, Füll' und Wonne.
Es lag das grosse All stillsäugend, liebewarm
In seines Vaters Arm.
Und weich ward mir das Herz; es schmolz in
süsses Sehnen.
Das Auge letzte sich in wollustreichen Thränen;
Zu hoher Freudigkeit erwuchs das kalte Graun,
Der scheue Sklavensinn zu kindlichem Vertraun.
„o Vater,“ rief ich aus, „o du, in dessen Armen
„der Engel und der Wurm, und Mensch und Mück'
erwarmen,
„dir sinkt dein reuig Kind mit gramgemischter Lust
An die versöhnte Brust.
„ich seh, ich sehe schon des Daseyns Nacht gelichtet,
„versöhnet jede Fehd', und jeden Zank geschlichtet.
„entlarvt seh ich den Trug; ich seh den Wahn verstreut,
„mit Elend Schuld gepaart, mit Tugend Seligkeit!
„o Vater, bis sich dort des Diesseits Räthsel lösen,
„bewahre mich vor Schuld! Behüte mich vor Bösem!
„gewünscht sey mir die Pflicht! Gesegnet dein Gebot!
Willkommen einst der Tod!“
Gekräftigt stieg ich nun herab vom Prüfungs-
hügel.
In Osten wehten schon des Morgens Safranflügel.
Im hochzeitlichen Schmuck stand prangend die Natur,
Das Meer ein Amethyst, und ein Smaragd die Flur.
Am trümmervollen Strand, im Schutt verbrannter
Hütten,
Trat ich ein Retter auf in der Verarmten Mitten.
Ich träuft' in ihren Kelch des Mitleids Honigseim,
Und ging getröstet heim!