Auf das Absterben eines zarten Söhnleins C. A. den 16. Novembr. 1679.

By Heinrich Mühlpfort

Du zartes Kind du Anmuths-voller Knabe

Der Eltern Trost und Hoffnung ihrer Zeit

Wie eilst du doch so bald zu deinem Grabe:

Zerschleust so früh der Leib der Seele Kleid?

Wer treibt dich an? den du bißher getragen

Jm Hertzen hast der Welt und Himmel trägt

Dein C Hristus wil dir Christoph dieses sagen:

Fleuch fleuch mein Freund wie ein Rehböcklein pflegt.

Reiß’ als ein Hirsch durch auffgestellte Netze

Eh Satan dich der Jäger noch beharrt.

Eh dich die Welt mit ihren Winden hetze

Und sich dein Aug an Eitelkeit vernarrt.

Verschleuß dein Ohr so bald die Hifft geblasen

Sie setzt dir für zu hindern Spur und Gang.

Nicht trau zu viel dem schön’ und grünen Rasen

Eh du es meynst so hast dn einen Fang.

Du folgst der Stimm und hast den Fuß entzogen

Dem Sünden Garn die Stricke sind entzwey.

Dich hat die Welt die Circe nie betrogen

Noch eingeschläfft durch ihre Zauberey.

Du als ein Kind bist klugfür uns zu nennen

Das zeitlich hat erkant des Lebens Traum:

Indem wir uns bemühen lauffen rennen

Umb lauter Nichts und umb drey Ellen Raum.

Wir kriechen stets wie Kinder auff der Erden

Wenn schwingt sich wol die Seele Himmel an?

Wie ein Kind zürnt wenn es beraubt muß werden

Vom Puppen-Werck und weinet was es kan.

So auch wenn uns entnommen was ergetzet

Und zeitlich Gut der Ameiß Hauff’ entgeht.

Da fühlen wir so tödtlich uns verletzet

Daß Blut umb Hertz im Auge Wasser steht.

Wo aber hin heist dich dein Heyland fliehen

Du kleiner Christ doch grosser Glaubens-Held?

Sollstu gleich weg so nah Weynachten ziehen

Da er sich sonst ein zu bescheren stellt.

So kriegstu hier kein herrlich Christ-Geschencke

Man trägt dir nicht die Gab in Bürden zu?

Ach nein! man setzt dir itzt die Leichen-Bäncke

Und legt den Rest der Glieder zu der Ruh.

So gehet nun dein sehnliches Verlangen

Nach den Gewürtz- und Freuden-Bergen hin.

Es mag dein Mund kein’ Artzney mehr empfangen

Du nennst die Flucht den schätzbarsten Gewinn.

Gleichwie ein Hirsch der sicher auff den Höhen

Zurücke siht wie man ihm nachgestellt.

So schau doch auch zurücke wie wir stehen

Wie Sünd und Tod uns noch gefangen hält.

Du weidest nun in unverwelckten Rosen

Dein Freund ist dein und du bist ewig sein.

Dein Angesicht ist schöner als Zeitlosen

Als der Narciss’ und Käiser-Kronen Schein.

Wie stärckt dich nicht der Thau der Weyrauch-Hügel?

Trotz diesem der dich von der Ruh erweckt.

Denn auff sein Hertz hat als ein theures Sigel

Aus Lieb und Huld dein JEsus dich gesteckt.

Wie rufft jemand? kehr umb als wie ein Rehe

Als wie ein Hirsch von Scheide-Bergen kömmt.

Diß ruffen fällt nicht von der lichten Höhe

Die Stimm ist gantz mit Ach und Weh verstimmt.

Des Vatern Schmertz der Mutter Seelen Wunden

Die Thränen-Fluth so das Geschwister geust

Vergrössern sich sie seuffzen alle Stunden

Zu früh ach Sohn! ach Bruder! weggereist.

Als wie ein Reh’ im güldnen Lentzen springet

So warst du auch voll Leben Geist und Muth.

Und wie ein Lamm dem Hirten Freude bringet

So warst du auch der Eltern Schatz und Gut.

An Reinigkeit wie eine Turtel-Taube

Die Einfalt nur mit ihrer Unschuld ziert

Von solchem Stamm ein angenehme Traube

Der blosen Schmack der Tugend in sich führt.

So muß die Bluhm’ offt in der Knospe sterben

Eh sie noch gantz den Purpur ausgebreit.

Es fängt sich kaum die Nelck an recht zu färben

So faltet sich und bricht ihr Atlas-Kleid.

Euch ist die Flucht O Eltern all zu bitter

Die schlechter Trost nicht überzuckern mag.

Der Kinder Tod bleibt nur ein Ungewitter

Das nach sich zeucht den schwersten Donnerschlag.

Doch soll der Schmertz den Sieg nicht gar behalten

Der Sohn ist ja bey seinem besten Freund.

Die Gunst der Welt muß kalten und veralten

Der ist getreu der ihn mit sich vereint.

Er ist nicht todt wie ihr wol meynt und dencket

Er schläffet nur umb frölich auffzustehn.

Da wird er euch in Thränen itzt versencket

Von Hügeln dort mit Lust entgegen gehn.

Drumb last ihn fliehn und rufft ihm nicht zurücke

Er zieht euch nach ihr kommet noch zu ihm

Schenckt seinem Sarg die letzten Liebes-Blicke

Bekrönt das Grab mit Kräutern und Geblühm’.

Der liebe Sohn ist früh der Welt entgangen

Und schmecket nicht des Lebens Bitterkeit

Da uns noch hier bey Hoffen und Verlangen

Manch Winter-Tag mit Frost und Flocken dräut.