Auf den 1. und 2. Vers des 122. Psalms

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Welt, was hab ich noch mit dir

Und mit deiner Gunst zu schafen?

Adams sündliche Begier

Mag sich an der Lust vergafen,

Die in Sodoms Häusern spielt

Und auf Tod und Schande zielt.

Deines Hochmuths Brandaltar

Glänzt von lauter Zauberkerzen,

Wo die Thoren mit Gefahr

In dem Ehrsuchtstempel scherzen,

Bis der Fall den Schein entdeckt

Und sie in den Abgrund steckt.

Mammons güldner Überfluß

Übertüncht die schwersten Sorgen;

Wer in Marmor wohnen muß,

Der hat keinen guten Morgen.

In Pallästen reicher Zeit

Herrschen Furcht und Gram und Neid.

Herr der Warheit, auf dein Wort

Gründet sich mein froh Gewißen.

O wie seelig wohnt man dort,

Wo wir dein Gedächtnüß küßen,

Wo dein Nahme, Recht und Licht

Allzeit von Erlösung spricht.

Ach, was giebt mir Zions Höh

Vor ein sehnsuchtsvoll Ergözen,

Wenn ich in den Vorhof geh,

Meinen Glauben fest zu sezen,

Der die Hofnung dorthin führt,

Wo die Kirche triumphiert.

Auf, mein Geist, und schau empor,

Was sich dort vor Wollust findet,

Welche hier kein Aug und Ohr

Noch kein menschlich Herz ergründet:

Dies ist Salems Friedensstadt,

Die den Quell des Lebens hat.

Diese Stätte suchen wir,

Wir als Pilger auf der Erden.

Sollte nun der Creuzweg dir

Etwas rauh und sauer werden,

O so stärcke Fuß und Muth

Durch den Blick auf jenes Gut!

Aller Kummer leget sich,

Wenn sich nur dein Herz besinnet,

Daß der Heiland auch vor dich

Dort das Bürgerrecht gewinnet.

Eile nun durch Wüst und Sand

Freudig in dein Vaterland!