Auf den Tod meines Sohns, Moritz Günthers ...

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Als ich jüngst an Exters Seite

Mich des Wonnemondes freute;

Als ich an la Roche's Hand

Jedem Rheinschiff' das Geleite

Mit den Augen gab am Strand',

Bis in dunkelblauer Weite

Mast und Wimpel uns verschwand;

Als bei Moser's Druck der Hand

Ihm mein Herz entgegen hüpfte,

Und, vor Lauren an der Wand,

Ich mit Uz ein Freundschaftsband

Wie Petrarch und Laura knüpfte;

Als ich weinend vor dem blinden,

Doch zufriednen Pfeffel, stand;

Als in seinen Veilchengründen

Kleinzog mir ein Sträußchen band;

Als so rasch am Krückenstabe

Bodmer mir entgegen kam,

Und mein Herz, als kleine Gabe

Auf der Pilgrimschaft zum Grabe,

Nah am Ziel', noch mit sich nahm;

Als mit mir bei Mondenscheine

In dem blühnden Lindenhaine

Lavater spatzieren ging,

Ich am Fall' des Rheins, von Schaume

Naßgesprützt, ihm wie im Traume,

Staunend an dem Arme hing:

Ach! da war mir wohl! Noch besser,

(Seufzt' ich dann für mich allein,)

Als am lieblichsten Gewässer,

Wird am Zorgafluß' dir seyn,

Wenn dein Günther dir entgegen

Auf dem Steckenpferde springt,

Und dir alle sein Vermögen –

Seine bunte Trommel – bringt;

Um mein Knie die Arme schlägt,

Hererzählet seine Thaten

Und Vocabeln, und mich frägt:

Bleibst nun bei uns über Nacht?

Hast nicht bleyerne Soldaten

Mir von Nürnberg mitgebracht?

Aber ach! mit bleichen Wangen,

Und in traurendem Gewand',

Kam die Mutter, an der Hand

Unsern Fritz, dahergegangen.

Beide schwiegen; ich verstand

Dieses fürchterliche Schweigen. –

Schönes Veilchen, mußtest du

Schon so früh der Erde zu

Deinen Kelch mit Balsam, neigen?

Wein' dich aus, du volles Herz!

Thränen kannst du nur vergeuden.

Meiner Liebe lange Leiden,

Meiner Augen Folterschmerz,

Konnt' ich mir versingen. Doch

Meine Lipp' ist itzt verstummet!

Denn vor meinem Ohre summet

Günthers letztes Rufen noch.

Hätt' ich deinen Ruf gehört:

Ach mein Sohn! aus fernem Lande

Wär' ich schnell zurückgekehrt.

Doch wozu? Um dich im Sande

Zu verscharren? O mein Sohn!

Trankest du den süßen Mohn

Aus des Todes Becher schon,

Eh' ich selbst ihn kosten durfte?

Wär' es möglich: Gott! ich schlurfte

Rein, für dich, noch itzt ihn aus,

Hülfe dir aus deinem Grabe

Wieder an das Licht heraus!

Denn seit ich nicht dich mehr habe,

Losch die Freud' ihr Lämpchen aus.

Deine Mutter sitzt versteint,

Auf dem Schooß' dein Schifferhütchen,

Hört von Fritz dein Wiegenliedchen,

Blickt auf deinen Hut, und weint.

Trösten soll ich sie? besiegt

Wörterschwall, den Schmerz um deinen

Tod? – Wir wollen beide weinen,

Bis der Thränen Quell versiegt.

Wer uns liebet, o! der weine

Mit uns! Wer ihn hat gekannt,

Weint von selbst um ihn, dem keine

Mutter, jemals leer die Hand

Reichte, ach! um ihn, der seine

Schmerzen, wie ein Mann bestand!

Wär' er einstens auf dem langen

Rauhen Pfad', ins Heiligthum

Hoher Weisheit, eingegangen:

Aller seiner Ahnen Ruhm

Hätt' er sicher überschattet,

Und den meinigen ergänzt,

Ja! am Ziel' hätt' ich ermattet

Ihn vielleicht noch selbst bekränzt.