Auf der Gotenstraße

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

In tausend lichten Tropfen sprühte

der Frühling durchs Tirolerland;

die blaue Anemone blühte

im Sarnetal an rauher Wand.

Aus dunkelgrüner Moose Teppich

sah ihres Kelches Sternenschein,

voll starker Inbrunst schlang der Eppich

die Arme um das Kalkgestein.

Und prangend hob auf stolzen Schroffen

die Rosenburg ihr Haupt ins Blau:

das Land der Sehnsucht lag ihr offen

des Garda wundervolle Schau.

Und ihre Grüße trug ins Weite,

in Pinienhag und Palmenhain,

die Talfer, die uns hart zur Seite

dahinschoß über Kies und Stein.

So zogen wir den Steg der Goten,

der Sehnsucht alten Pfad hinab

und brachen auf der Spur der Toten

die blaue Blume lächelnd ab.

Schon winkte den verschneiten Firnen

im Blütenschnee der junge Lenz –

und leuchtend fiel auf unsere Stirnen

der Sonnenschein Italiens.