Auf ein Mägdgen, so er einsmahls bey einem guten Freunde in der Nachbarschaft zu...

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Schweigt doch nur, ihr höhnschen Thoren,

In der kühlen Dämmrungsstill,

Da mein Herz vor Leonoren

Seine Regung zeigen will,

Weil sich ihrer Jugend Pracht

Überall gefällig macht.

Durch die Reizung ihrer Sitten

Komm ich um den Freyheitsstand,

Den mir manche schon bestritten,

Aber keine noch entwand,

Weil der Himmel ihrer Art

Meine Liebe vorgespart.

Ihrer Kleider nette Schwärze

Zeigt mir ein vergnügtes Licht,

Welches wie des Mondes Kerze

Zärtlich aus den Wolcken bricht

Und der Hofnung, die sie liebt,

Einfluß und Ergözung giebt.

Selbst die Schönheit vom Gemüthe

Bricht durch Blick und Antliz vor,

Und der Reden Geist und Güte

Küzelt oft ein lauschend Ohr,

Daß mich auch das Zusehn schmerzt,

Wenn sie mit Gespielen scherzt.

O wie seelig ist die Stunde,

Da man, angenehmes Kind,

Auf dem rosenvollen Munde

Deines Herzens Huld gewinnt

Und den Vorschmack jener Welt

Selbst mit dir in Armen hält.

Fliegt daher, ihr stillen Lieder,

In die schöne Nachbarschaft

Und bewegt die stillen Glieder

Durch die Würckung starcker Kraft,

Bis ein Traum von meiner Treu

Leonorens Lustspiel sey.