Auf eine andere Manier
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Was war was ist und was noch werden kan
Bedenckt und sieht ein Weiser an.
Komt ihr seeligen Gedancken
Stellt mir meine Jugend für.
Aber ach wie grauet mir!
Geist und Seele wollen wancken
Und die Kleinmuth herrscht allhier.
Dennoch kommet ihr Gedancken
Stellt mir meine Jugend für.
Was war ich vor? soll ich zurücke sehn
So seh ich eine Menge stehn
Die mich unendlich muß erschrecken.
Sinds Feinde? Nein
Sie wollen meine Kinder seyn
Ach Kinder so die Sünden hecken.
Nehm ich den Spiegel vor von der vergangnen Zeit
Mein Gott ach welche Häßlichkeit!
Was hab ich nicht vor Flecken im Gewissen!
Wie ist mein Kleid der Unschuld doch zerrissen!
Wie unrein ist mein Angesicht!
Wusch ich mich denn vor diesem niemahls nicht?
Wo ist das Bild das Gott nach sich geschaffen?
Ach alles sieht erbärmlich aus!
Wie ist so voller Staub und Koth
Denn deiner Seelen Hauß?
Der Herr darinnen hat bißhero stets geschlaffen.
Wie bist du denn so voller Angst und Noth?
Was hast du Armer doch gethan?
Was mich betrüglich hat ergetzet
Anitzt in Jammer setzet
Vielleicht auch ewig kräncken kan.
Was aber thust du nun?
Ich scheue mich die Augen aufzuthun.
Wenn meine Augen auf mich sehn
So müssen Thränen drinnen stehn.
Denn meine Schönheit ist verlohren
Und mein Gewissen muß den Mohren
Vollkommen gleich am Brande gehn.
Wenn meine Augen auf mich sehn
So müssen Thränen drinnen stehn.
Was ist die gegenwärtge Zeit?
Ein Raub der Uppigkeit.
Mein Leben ist verkehrt
Und mein Verstand bethört.
Mein edles Leben will sich enden
Ich reiße mir die Adern selber auf
Und kan des Blutes Lauf
Zu meinem Tode sehn
Doch endlich will mir das Gesicht vergehn.
Ich muß das Haupt nach jener Seiten wenden
Wo man die künffte Zeit erblickt
Was war was ist
Daß ist ein Stein der mein Gewissen drückt.
Doch was noch werden kan
Diß schau ich voller Glauben an.
Aus einem Kinde dieser Erden
Kan ich ja wohl ein Kind des Lichtes werden.
Klugheit machet wieder schön
Wenn wir noch so heßlich sehn.
Alle Thorheit muß ersterben
Und das Auge dahin gehn
Wo wir nicht zu dem Verderben
Ewig angeschrieben stehn.
Zwey Schlangen sind die uns verletzen
Und auch ins Heil versetzen
Der die der Fluch de Höchsten trifft
Nimt man den Gifft.
Der andern borgt man Klugheit ab
Und legt sein Sünden Kleid von sich und in das Grab.
Nun so verfluch ich diese Wege
Die Laster-Bahn die vor mein Fuß berührt.
Und seelig preis' ich diese Stege
Wohin mich jetzt die Klugheit führt.
Was war was ist und was noch werden kan
Diß schaue Seele weißlich an
Das erste mit bereuen
Das letzte mit erfreuen.
Damit dein Hertz nicht vor entsetzen bricht
Wenn alles diß geschicht
Was einst mit dir und dieser Erden
Nach Gottes Schluß wird werden.
Bedencke Seele was du thust
Verlasse nicht der Weißheit Bahn.
Laß mir den Trost im Sterben werden
Vor Gott im Himmel und auf Erden
War alles gut und wohl gethan.