Auf einer nahen Anverwandtin Tod

By Andreas Gryphius

Written 1640-01-01 - 1640-01-01

Der Frühling meiner Zeit und Anfang erster Tage

Verschwand in Angst und Ach und rauher Traurigkeit

Mein Weinen und Verstand bejammerte die Plage

Die mir auf dieser Welt die rauhe Noth bereit.

So bald sich die Vernunft fand in ein besser Wesen

Und der gezierte Leib zu etwas Kräfften kam

Lernt ich der Menschen Leid aus fremden Unfall lesen

Aus dem ich eigne Furcht und Hoffnung an mich nahm

Bald brach der Jammer an mit ungeheurem Leiden

Das schnelle Wetter fiel auf mich noch zarte Blum

Man zwang von Grab und Haus der Eltern mich zu scheiden

Und gab in fremde Macht mein freyes Eigenthum.

Da hab ich Welt und Tod bey zweyer Männer Leichen

Und in der Einsamkeit der Freunde Treu erkennt.

Ach Menschen! eure Gunst stirbt eh als wir erbleichen

Gleich wie der Thau verraucht wenn nun der Mittag brennt.

Der Schmertzen grimme Qual des Vaterlandes Aschen

Dieselbe raubten mir die treffliche Gestalt

Indem ich stets mich must aus heissen Thränen waschen

Verdorret ich und ward vor meinem Alter alt.

Hier ruh ich dann die hier kaum eine Ruh genossen

Und finde was umsonst die trübe Welt begehrt:

Das Leben hätt ich wohl noch viel zu früh beschlossen

Wenn Gott ein bessers mir dort oben nicht beschert.