Auf seine Rosilis, als sie sich so spröde gegen ihn erzeigte

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Bistu gar nicht zu gewinnen,

So beklag ich dich, mein Kind,

Weil dir die verstockten Sinnen

Selbst am meisten schädlich sind.

Wem versparstu deinen Garthen?

Glaube nur: Ein langes Warthen

Speist die Hofnung oft mit Wind.

Blumen wachsen nicht vergebens,

Früchte reifen vor den Mund,

Schönheit blüht zur Lust des Lebens,

Brauchen macht den Werth erst kund;

Nimm ein Beyspiel an den Bienen,

Die mit Honig andern dienen,

Und versüße mir den Bund.

Warum schämstu dich der Liebe,

Die dich selbst hervor gebracht,

Und zur Nahrung meiner Triebe

Nicht umsonst so schön gemacht;

Als der Himmel dich geschmücket

Und sein Bild dir eingedrücket,

Hat er auch auf mich gedacht.

Bringt dir irgend ein Geschweze

Diese falsche Meinung bey,

Daß die Schärfe vom Geseze

Solcher Lust zuwider sey,

Las dir doch den Aberglauben

Nicht dein schönstes Glücke rauben;

Lieben steht auch Sclaven frey.

Deiner Keuschheit reiner Spiegel

Kriegt durch Küße keinen Schröck,

Denn sie sind ein Freundschaftssiegel

Und verlaßen keinen Fleck.

Suche deine guten Tage,

Eh die späte Nachreu klage:

Da ich suche, sind sie weg.