Auflösung eines, bey Gelegenheit der 1740 ausserordentlichen und so lange anhalt...
Ach Gott! wo bleibt der Schmuck der Erden!
Nachdem sowohl April, als May,
Ohn’ alle
Soll es denn auch nicht
Man sieht die Wälder noch entlaubet,
Das Feld noch seines Schmucks beraubet,
Den Wiesen fehlt ihr bunter Flor,
Es will fast gar kein Gras hervor.
Es bleckt das Schaaf, die Rinder brüllen,
Sie können nicht den Hunger stillen,
Sie reissen manchen dürren Straus
Mit Wurzeln aus dem Grund heraus.
Statt daß sich sonst die schlanken Zungen,
Jm Biß, um langes Gras geschlungen;
So nagt itzt, da das Feld noch bloß,
Jhr dürrer Zahn nur welkes Mooß.
Ist denn der rauhe Wind aus Norden
Allein der Winde König worden?
Sie ruhen all’; er bläset nur,
Und stöhrt die Ordnung der Natur.
Jm trüben Nebel eingehüllet,
Der unsern ganzen Luft-Kreis füllet,
Zeigt die betrübte Kälte sich,
In grauer Farbe, sichtbarlich.
Wie Wolken stets das Licht vermindern,
So sieht man diese Kälte hindern,
Daß uns der Sonnen rege Kraft
Die holde Wärme nicht verschafft.
Es scheint, ob woll’ in unsern Ländern
Der Zeiten Wechsel sich verändern,
Es wird, was niemahls noch erhört,
Die Ordnung der Natur verkehrt.
Hier war es, wo der Bluhmen Glänzen
Durchs Auge mich zum Schöpfer zog;
Hier, wo ich sonst den bunten Lenzen,
Zu unsers Schöpfers Ehr’, erwog;
Hier war es, wo von ihrer Pracht
Fast allenthalben aufgebracht,
Ich, ihrer Quell’ zu Ehren, sang;
Hier, wo mein frühes Lied erklang;
Hier war es, wo auch meine Luft,
Bey eurer schönen Blühte, blühte;
Hier, wo ich, mit gerührter Brust,
Mein, durch des Schöpfers grosse Güte,
Ganz angefülletes Gemühte
Erfreut zu zeigen mich bemühte.
Dieß war mein trauriger Gesang, den ich, wie sich kein
Frühling wies,
Noch gestern, unter dürren Bäumen, auf öden Feldern,
schallen ließ.
Als heute füg ich ihm annoch, da noch das Wetter einerley,
Mit eben so betrübtem Sinn, die folgende Gedanken bey:
Die Bluhmen- Blätter- Kräuter- Vieh- und Menschen-
mörderische Kälte
Hat, leider! noch nicht ausgeras’t. Der May, der uns die
Felder grün,
Den Wald belaubt, die Gärten bunt, in jedem Jahr vor
Augen stellte,
Scheint in des kalten Jenners Tracht zu kommen, und sich
wegzuziehn,
Eilt über Blätter-lose Wipfel, begleitet von dem rauhen
Nord,
Und über schmutzig-welke Felder, entstellt, betrübt und
grämlich, fort.
Ach! rief ich: Hier, wo ich vor dem, mit Lust, zu eben die-
ser Zeit,
In vorigen vergangnen Jahren, im holden Grünen, allbe-
reit,
Mein, durch die Anmuht der Natur, erregt- und ange-
stimmtes Singen,
Dem Schöpfer der Natur zum Ruhm, vergnügte Lieder
ließ erklingen,
Erblickt itzt, stumm, für Gram und Sorgen, durchs Auge,
mein betrübter Geist,
Wie sich von dem, was sonst im Frühling die Erde schmücket,
nichts fast weist.
Welch Anblick, da ich die Verwirrung der Jahres-Zeiten
überlegte,
Mich selber mit Verwirrung füllte, und so zu denken mich
bewegte:
Käm’ auf den Frost kein Frühling wieder, hört’ einst der
Zeiten Wechsel-Lauf,
In seiner unverrückten Ordnung, die nimmermehr gefehlet,
auf;
Verlöhr mein irdisches Vergnügen in GOtt, sich nicht alleine
nur;
Es würde der so feste Grund der festen Ordnung der Natur,
Von einer weisen Macht gestützt, in allen menschlichen Ge-
danken,
Zum Schaden, der unwiederbringlich, nebst Zuversicht und
Hoffnung, wanken.
Es würd’ ein blindes Ungefehr sich suchen auf den Thron
zu schwingen,
Und sich bemühen wenigstens zur Ungewißheit uns zu brin-
gen.
Wobey Du, GOtt! zwar nichts verlöhrst, als ewig und
unwandelbar,
Der ist, und ewig bleiben wird das, was Er ist und ewig
war.
Allein, welch ein geschminkter Zweifel würd’ unsre Kum-
mer-reiche Seelen,
Durch der Natur gestörte Ordnung und ganz verrückten
Lauf, nicht quälen!
Wie würd’, in ihrem groben Jrrthum, die stolze Schaar
der Atheisten
Sich dieses nicht zu Nutze machen, und sich ganz unerträg-
lich brüsten!
“was sagt ihr? (würd’ er freventlich von unsers Glau-
bens Grunde sprechen,
„der auf die Ordnung der Natur sich fußt und stutzt)
Was sagt ihr nun?
„kann eine Gottheit, die nicht irrt, ihr einst gegebnes
Wort wohl brechen?
„selbst was die Regel der Natur, ja was selbst eure
Bibel spricht:
„dem Winter soll der Frühling folgen, bestehet und
geschicht ja nicht.
„einfolglich fället alles weg, worauf ihr alles das
gebauet,
„da man, bey aufgehabner Ordnung, auch ferner keine
Gottheit schauet,
„die bloß die Ordnung euch gezeigt, und euch zu glau-
ben reizt. Allein,
Halt! rief ich, wie ich mich besann, verwegner Atheist, halt
ein!
Auch du, mein Geist! besinne dich; leg Hand und Finger auf
den Mund.
Es hat der Atheisten Bosheit, auch deine Schwachheit,
keinen Grund.
Ist ein umschränkter Menschen-Geist, so wie er ist, mit
Recht so kühn
Zu fassen, ob nicht die Verändrung in der Natur zu etwas
dien',
So wir, aus Schwachheit, nicht begreifen? Zudem, so kann
es ja geschehn,
Daß wir schon Morgen alle Pracht des schönen Frühlings
wieder sehn.
Die Knospen sind ja schon geschwollen, des Grases Spitzen
zeigen sich,
Und warten nur auf etwas Wärme. Hat gleich der Winter
grimmiglich,
Und mehr, als je geschehn, geras’t; so siehet man doch offen-
bar,
Der Saamen ist doch nicht erfroren. Man wird noch über-
dem gewahr,
Daß auch der Rocken unversehrt, wie stark der Frost gewütet,
blieben.
Man sieht ihn, auch bey kalter Luft, die grünen Spitzen
aufwerts schieben.
Ja, wenn es gleich noch schlimmer wäre; gesetzt,
das überbliebne Vieh
Stürb’ alles, ja die Menschen selber: so würde dieses
Elend nie
Den ganzen Erd-Kreis doch betreffen. Ja, wenn auch
dieses möglich wäre;
So folget doch noch lange nicht der Schluß der unglückselgen
Lehre:
Es sey kein GOtt. Die Millionen von so viel andern Erden
blieben,
Und zeigten, nach wie vor, die Proben von einer Gottheit,
Macht und Lieben.
Obgleich die Sündfluht unsre Erde ganz umgekehret und
verstört;
So hat dennoch der Gottheit Wesen dadurch bey keinem
aufgehört.
Sprich nicht, bey solcher Aenderung der weisen Ordnung-
gen, wo bliebe,
Nebst Seinem einst gesprochnen Wort, absonderlich des
Schöpfers Liebe?
Denn hör’: Ist wohl des Schöpfers Lieben nach unserm
Lieben abzumessen?
Gott liebt in Absicht auf das Ganze, dieß muß die Mensch-
heit nicht vergessen,
Ein jeder wird dennoch geliebt, ob man es öfters selbst nicht
spührt;
Indem die Gottheit alle Ding’ zu einem guten Ende führt,
Kann unser Witz es gleich nicht fassen. Mich deucht, du
wirfst mir ferner ein:
Wenn auch die Menschen wo zu strafen, und billig heimzusu-
chen seyn,
Was kann das arme Vieh dafür, daß es so elend leiden
muß?
Auch hierinn, ob du es kaum glaubst, fehlt doch dein über-
eilter Schluß.
Muß denn das Vieh nicht einmahl sterben? Und hätten viele
nicht mehr Plagen
Bey einem längern Leben noch erleiden müssen und er-
tragen?
Nach noch viel tausend Geissel-Schlägen, von Alter lahm,
hätt' es sich strecken,
Jm kalten Winter ausgejagt, von Hunger ausgezehrt, ver-
recken,