Aufmunterung zum Spatzierengehen

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Written 1761-01-01 - 1761-01-01

Ach geht doch oft, ihr Schönen,

An hellen Frülingstagen,

Ins Feld und ins Gebüsche!

Welch irdisches Vergnügen

Wird euren Geist ermuntern!

Welch Labsal, welche Wonne,

Wird euer Herz erfrischen!

Wie Brokks, auf seinen Fluren,

Den Reitz der Freude spüret,

So werdet ihr ihn spüren.

Ihr werdet Blumen sehen,

Und sie mit Seide stikken,

Wenn ihr zurükke kehret,

So, wie sie Brokkes malet,

Wenn er zurükke kehret.

Ihr werdet, voll Vergnügen,

Den Spieltisch wieder suchen,

Wenn ihr zurükke kehret.

Ihr werdet Männer reitzen,

Ihr werdet Freunde lokken,

Euch in den Busch zu führen.

Ihr werdet Caffe trinken,

Und noch die Lust empfinden,

Die ihr im Busch empfunden;

Ihr werdet treuen Schwestern,

Ihr werdet Dienerinnen

Viel Schönes von den Auen,

Und von den Wäldern sagen;

Ihr sollt mit Lust erzählen,

Was euer Blikk gesehen.

Erwählt mich nur zum Führer

Und seht, was ich einst sahe,

Am schönsten Frülingstage!

Ein heller Regenbogen,

Stand um den halben Himmel,

In treuflend schwarzen Wolken.

Er stand, mit tausend Farben,

Der Sonne gegenüber.

Die Sonne, frei von Wolken,

Umgab, mit goldnen Strahlen,

Den halben blauen Abgrund.

Es glänzt um tausend Blumen,

Ein silberweisser Schimmer;

Es hiengen, um die Rosen,

Die hellsten Wassertropfen,

Wie, um den Hals der Braunen,

Die hellsten Perlen hangen.

Ein schlauer starker Zefir

Bewegte, wo er schwärmte,

Die Gipfel hoher Tannen

Die Wies und Thal umgrenzten,

Und wenn er sie bewegte,

So sah man, auf den Gipfeln,

Wie Licht und Schatten wechselt.

Am niedrigen Gesträuche

Bewegte sich der Schatten,

Wenn die geschlanken Zweige,

Durch Zefirs Hauch belebet,

Sanft an einander schlugen.

Hierdurch entstand, im Busche,

Das lieblichste Geräusche,

Zu welchem sich das Murmeln

Der kleinen nahen Bäche,

Und tausend helle Kehlen

Der kleinen Vögel mischten.

Es lokkten Nachtigallen,

Es sangen Staar und Amseln

Es schlugen Wachtelhäne.

Indem ich ihre Lieder

Mit stillem Lobe hörte:

Sprang, aus dem dikken Busche,

Ein stolzer Hirsch ins Wasser;

Und plötzlich blieb er stehen,

Und schien sich zu besinnen,

Und langsam ging er weiter,

Und, mitten auf der Wiese,

Besah er sich im Wasser.

Er wies, mit steifem Kopfe,

Sein prächtiges Geweihe.

Als sich der Corsen König,

In seiner Krone zeigte,

Ließ er nicht halb so prächtig.

Er putzte mit der Zunge

An Beinen ohne Waden,

Und stand auf dreien Beinen,

Gleich als sich seinen Augen

Die schönste Hirschkuh zeigte.

Schnell trat er auf vier Beine,

Und ging im hohen Grase,

Stolz, wie ein Fürst der Thiere,

Gerade nach der Schönen.

Sie sahe den Geliebten,

Sie ging ihm selbst entgegen.

Ach, fragt mich nicht, ihr Schönen,

Was hast du mehr gesehen?

Nein, geht mit mir in Wälder,

Da solt ihr alles sehen.