Aufmunterung zur Freude

By Ludwig Christoph Heinrich Hölty

Written 1776-01-01 - 1776-01-01

Wer wollte sich mit Grillen plagen,

So lang uns Lenz und Jugend blühn;

Wer wollt', in seinen Blüthentagen,

An finstrer Schwermuth Altar knien!

Die Freude winkt auf allen Wegen,

Die durch dieß Pilgerleben gehn;

Sie bringt uns selbst den Kranz entgegen,

Wenn wir am Scheidewege stehn.

Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle,

Noch ist die Laube kühl und grün;

Noch scheint der liebe Mond so helle,

Wie er durch Adams Bäume schien.

Noch macht der Saft der Purpurtraube

Des Menschen krankes Herz gesund;

Noch schmecket, in der Abendlaube,

Der Kuß auf einen rothen Mund.

Noch tönt der Busch voll Nachtigallen

Dem Jüngling süße Fühlung zu;

Noch strömt, wenn ihre Lieder schallen,

Selbst in zerrißne Seelen Ruh.

O wunderschön ist Gottes Erde,

Und werth darauf vergnügt zu seyn;

Drum will ich, bis ich Asche werde,

Mich dieser schönen Erde freun!