Aus der zehnten Satyre des Juvenalis vom 56. biß 77. Verß.
Wje mancher den das Glück mit Ehr und Macht gekrönt
Wird endlich von dem Neid zertreten und verhönt?
Wie mancher den die Kunst in blanckes Ertz gegossen
Als führ er im Triumph mit seinen muntern Rossen
Nach Romuls hohen Burg verfällt im Augenblick
Wenn man das stoltze Bild mit ausgedehntem Strick
Von seinen Pfeilern hohlt. Schau wie Gespann und
Das gleichwohl nichts gethan in stücken wird geschla-
Betrachte wie Sejan im Ofen schmeltzen muß
Und wie (o Unbestand) durch einen neuen Guß
Des Käysers liebster Freund den alle Welt geehret
Sich in ein schlecht Geschirr und Nacht-Gefäß verkeh-
Doch das erhitzte Volck sucht mehr als diß Metall;
Sejan wird selbst gestürtzt;man rufft mit frohem Schall:
Auf! laßt uns den Pallast mit Lorbeer-Aesten zieren
Und auf das Capitol ein Stier zum Opfer führen;
Weil nun die Rache kommt und den verfluchten Mann
Zu seiner Straffe schleppt! sieh doch fängt einer an
Sein tücksches Angesicht. Steht nicht was er betrieben
Zusamt der Todes-Art an seiner Stirn geschrieben?
Ja spricht der andre drauf: ich wil es nur gestehn
Daß ich ihn allemahl mit Abscheu angesehn.
Darf ich mit allem dem nach sein Verbrechen fragen?
Was hat er wider das was seine Kläger sagen
Und die ihn überzeugt zur Ausflucht vorgewandt?
Ein mehres hört man nicht als daß mit eigner Hand
Der Käyser an den Raht vom Eyland der Capreen
Von vielen Sachen schrieb aus welchen zu verstehen
Daß der so alles war nun seines Herren Huld
Ich weiß nicht wie verschertzt. Wolan so hat er
Das ist mir schon genug. So läßt zu allen Zeiten
Das blinde Römer-Volck sich von dem Glücke leiten!
Wer das verlohren hat ist auch bey ihm verhaßt
Denn hätte nur Sejan den Vortheil abgepaßt
Und eh durch kühnen Mord den Käyser weggeschoben
So hätte ihn dieses Volck an seine statt erhoben.