Aus der zehnten Satyre des Juvenalis vom 56. biß 77. Verß.

By Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz

Wje mancher den das Glück mit Ehr und Macht gekrönt

Wird endlich von dem Neid zertreten und verhönt?

Wie mancher den die Kunst in blanckes Ertz gegossen

Als führ er im Triumph mit seinen muntern Rossen

Nach Romuls hohen Burg verfällt im Augenblick

Wenn man das stoltze Bild mit ausgedehntem Strick

Von seinen Pfeilern hohlt. Schau wie Gespann und

Das gleichwohl nichts gethan in stücken wird geschla-

Betrachte wie Sejan im Ofen schmeltzen muß

Und wie (o Unbestand) durch einen neuen Guß

Des Käysers liebster Freund den alle Welt geehret

Sich in ein schlecht Geschirr und Nacht-Gefäß verkeh-

Doch das erhitzte Volck sucht mehr als diß Metall;

Sejan wird selbst gestürtzt;man rufft mit frohem Schall:

Auf! laßt uns den Pallast mit Lorbeer-Aesten zieren

Und auf das Capitol ein Stier zum Opfer führen;

Weil nun die Rache kommt und den verfluchten Mann

Zu seiner Straffe schleppt! sieh doch fängt einer an

Sein tücksches Angesicht. Steht nicht was er betrieben

Zusamt der Todes-Art an seiner Stirn geschrieben?

Ja spricht der andre drauf: ich wil es nur gestehn

Daß ich ihn allemahl mit Abscheu angesehn.

Darf ich mit allem dem nach sein Verbrechen fragen?

Was hat er wider das was seine Kläger sagen

Und die ihn überzeugt zur Ausflucht vorgewandt?

Ein mehres hört man nicht als daß mit eigner Hand

Der Käyser an den Raht vom Eyland der Capreen

Von vielen Sachen schrieb aus welchen zu verstehen

Daß der so alles war nun seines Herren Huld

Ich weiß nicht wie verschertzt. Wolan so hat er

Das ist mir schon genug. So läßt zu allen Zeiten

Das blinde Römer-Volck sich von dem Glücke leiten!

Wer das verlohren hat ist auch bey ihm verhaßt

Denn hätte nur Sejan den Vortheil abgepaßt

Und eh durch kühnen Mord den Käyser weggeschoben

So hätte ihn dieses Volck an seine statt erhoben.