Aus ihrem Tagebuche

By Ada Christen

Written 1858-01-01 - 1858-01-01

Seit Du mich verlassen

Ersticke ich schier

In meinen Gemächern.

Wo Alles mich mahnt

An das Vergang'ne,

Und Deine Gestalt

– Wohin ich nur blicke –

Entgegen mir tritt,

Wo Alles noch spricht

Mit einer Stimme

So wohl mir bekannt,

In einer Sprache,

Die Niemand versteht,

Als meine Seele ...

Wo für mich noch weht

Der Hauch Deines Athems,

Wo für mich noch schwebt

Der Duft Deiner Locken;

Wo für mich noch bebt

Im Ticken der Uhren

Ein ruhiger Pulsschlag

Der schlanken Hände,

Die auf meinem Haupt

Nur flüchtig lagen

Oh flüchtig und kühl,

Als Du mich verlassen

Für alle Zeit! ...

Wüßt' ich nur einmal

Dich noch zu finden

So wie Du gewesen,

Als ich Dich sah

Am ersten Tage.

Ich würde gehen

Dornige Wege

Mit nackten Füßen

Und blutigen Sohlen,

Stumm, ohne Klage ...

Ich würde Dich holen

Aus Noth und Elend,

Dein Heil erflehen,

Deine Sünden büßen!

Wüßt' ich nur einmal

Noch so Dich zu sehen

Wie Du gewesen

Am ersten Tage,

Ich würde suchen

Suchen ... suchen ...

Aber ich weiß es,

Wenn ich Dich finde,

Bist Du ein Andrer,

Bist wieder so hart

Wie an dem Tage,

Als ich Dich gesehen

Zum letztenmal.

So bist Du ein Andrer!

Dein schönes Haupt

Ruht an einem Herzen,

Das nimmer Dich liebt,

Das nicht an Dich glaubt.

Du lebst in Qual,

Nichtswürdige Schmerzen

Verzehren Dich,

Du fühlst, es giebt

Für Dich keinen Frieden,

Du fühlst, es wich

Dein Glück, seit wir schieden.

Ich aber, die stumm,

Ohne Hoffnung und Trost,

Gesucht Dich ... gesucht

Und endlich gefunden –

Ich stehe wiederum

Einsam, verstoßen,

Vor Deinem Haus,

Vor Deinem Herzen –

Verstoßen ... einsam!

Oh fehlte nur Erinnerung an die Stunde,

Die ich verlebt in fieberndem Entzücken,

Entgegenträumend Deinen ernsten Blicken,

Dem Druck der Hand, dem Wort aus Deinem Munde.

Und nun liegt Alles todt auf tiefstem Grunde,

Das ganze Traumglück sah ich Dich zerstücken,

Und uns zusammen führen keine Brücken ...

Oh fehlte nur Erinnerung an die Stunde!

Wenn in dieses Sterben

Der Glocke Schall

Oft plötzlich tönet,

Dann fliegen die Pulse,

Mein mattes Herz

Erzittert lauschend,

Als stünde das Leben

Vor meiner Thür

Und trüge versöhnt

Deine schönen Züge,

Die nur im Traum

Mich zärtlich grüßen.

Jäh ist mir manchmal durch den Sinn gegangen,

Was wohl geschieht, wenn wir uns nun begegnen?

Ich dachte mir, ich könnte Dich nicht segnen,

Wenn Deine Augen fremd an meinen hangen.

Doch als Dein kalter Blick jetzt traf den meinen,

Da schwankten rings die Menschen, Häuser, Gassen,

Ich aber wollte Deine Hand erfassen,

Anklammern mich und weinen, laut aufweinen ...

Die Welt ist so groß –

Leicht kann sich verbergen

Ein trauerndes Weib.

Wir können nicht weilen

Am selben Ort,

Es giebt kein Meiden.

Mir unbewußt führt

Mein Herz mich die Wege,

Die täglich Du gehst.

Und still wie Dein Schatten

Folg' ich Dir nach

Und bebe zusammen,

Wenn träumend oft hängt

Dein prüfendes Auge

An einem Antlitz.

In Jugend und Schöne,

Lächelnd, blühend,

Wie vormals das meine.

Die Welt ist so groß, –

Leicht kann sich verbergen

Ein glückloses Weib.