Beantwortete Frage: Wo gut zu wohnen sei?

By Johann Justus Ebeling

Wir leben in der Welt, im Land

der Eitelkeit,

Darin die Menschen sind, bald

hie, bald da, zerstreut:

Der runde Erdenball ist weit

und breit zertheilet,

Da sich ein ieder Mensch in sei-

nen Punct verweilet.

Der eine wohnet gern in ienen Morgenland;

Der andre klaget da, daß er im heissen Sand

Den stets beschweißten Fuß, in diesen Weltstrich

brennte,

Wenn er Arabiens entflammten Sand durch-

rennte.

Der Ort, wo man erzeugt, die erste Lufft genießt,

Ist sonder Zweiffel gut, wenn da das Glükke

sprießt

Das unser Sin verlangt. Die Erde ist des HErren:

Wenn wir nach

wären;

So müst es uns auch gut, bei seinen Gnaden-

schein,

Am kalten Norderpol, als wie in Süden sein.

Die Welt ist nur ein Haus, darin die Länder,

Zimmer

Dem einen scheint dies gut, dem andern ienes’,

schlimmer,

Nachdem die Neigung fällt; nachdem die Lebens-

Art,

Sich mit den Gegenden, allwo man wohnt, ver-

paart,

Darauf kommt alles an: Und will man dies ge-

stehen

So kann man auch hiebei des Höchsten Weisheit

sehen.

Die Welt ist abgetheilt, in manches Reich und

Land,

Das menschliche Geschlecht hat durchs Gesellschaffts

Band

Sie wiederum verknüpft, indem sie allzusammen,

Doch all aus einem Blut, von einem Ort her-

stammen.

Ein ieder der vergnügt, lebt allemahl beglükt,

Wo ihn die Vorsehung hat weislich hingerükt.

Dient er nur seinem

So mag es in der Stadt; so mag es auf dem Lande

Auf Bergen, in dem Wald, in Feld und Thälern

sein:

So denket die Vernunfft, doch der Geschmak spricht:

Nein.

Der die Gesellschafft liebt, und des Getümmels

Rauschen,

Der wird nicht leicht die Stadt, mit einem Dorf

vertauschen.

Wer eine freie Lufft und stilles Leben liebt,

Der wählt ein freies Land dafür er Städte giebt

Wer hat von Beiden recht? Sie finden alle Beide,

Der eine hie, der da, für sein Gemüthe, Freude.

Mein Urtheil ist hiebei: Es ist gut in der Stadt,

Die,

Wappen hat.

Das Leben taugt da nicht, da wo der Pfauen

Orden

Der stolzen Höflichkeit, zum Bürgerrecht gewor-

den;

Da wo die Eitelkeit, die falsche Mode Welt

Sich hinter Mauren stekt, und ihre Hofstat hält;

Das Leben taugt da nicht, wo man die Arglist

liebet,

Mit Tugend Glanz bekränzt, und Klugheits Nah-

men giebet.

Das Leben taugt da nicht, wo man durch stolze

Tracht,

Die Bürger Ehrbarkeit, zu Adlers Schweiffen

macht;

Wo man die Höflichkeit, in blossen Mienen sezzet,

Und mit der Zunge liebt, und mit der That ver-

lezzet.

Das Leben taugt da nicht, wo man den Handel

treibt,

Und nicht die Billigkeit den rechten Werth be-

schreibt;

Wo man die Wageschal nur blos zum Vortheil

hänget,

Der Ellen Maaß verkürzt, die kurze Waar ver-

länget.

Das Leben ist da gut, wo auf dem freien Feld,

Des Schöpfers Vorsehung den Seegen aufgestellt;

Wo in der freien Lufft gesunde Winde wehen,

Die Aecker woll beflanzt, von Früchten trächtig

stehen;

Wo stille Einfalt wohnt, wo alte Redlichkeit,

An stat des falschen Schwurs, die Hand zur Treue

beut.

Das Leben taugt da nicht, da wo die Erden Wür-

mer,

So ungebärdig sein, als wie die Himmelsstürmer,

Wo untern groben Tuch, ein gröbers Herze stekt,

Und sich der Bosheit Grim mit Lämmerfellen dekt,

Die eine Liverei der wahren Einfalt heisset;

Wo Tumheit, Unverstand mit Wollffes Zähnen

beisset:

Da taugt die Wohnung nicht; obgleich dem stillen

Land,

Der Vorzug öffters wird vor Städten zuerkant.

Das Land ist da nicht still, wo der besoffne Bauer,

In seinem Kruge schreit, als wie ein Gassenhauer,

Wenn ihn der heisse Trank, den er wie Wasser säufft

Die Kehle aufgesperrt, und das Gehirn ergreifft:

Alsdenn stürmt er das Dorff, und läst die Hunde

rasen,

Durch sein Geschrei erhizt, als würd zur Jagd ge-

blasen.

Das Leben taugt da nicht, wo man den Ehrentag,

Der Ehe eingeweiht, nur braucht zum Saufgelag;

Wo Zucht und Ehrbarkeit, mit Kränzen zwar ge-

zieret,

Der Keuschheit Ehrenkranz in Raserei verlieret.

Das Leben taugt da nicht, wo man bei saurer

Müh,

Bei Pferd und Ochsen lebt, als wie ein menschlich

Vieh

Die von dem Joch befreit, mit lauter wilden

Springen,

In ungezuämten Lauf sich zum Verderben bringen.

Wer sich in dieser Welt um einen Plaz bemüht,

Allwo die Gottesfurcht, mit Redlichkeit recht blüht

Der suchet einen Ort, die Wohnung aufzuschlagen,

Der hier in dieser Welt, sehr schwerlich auszufragen;

Der sucht ein Paradies, das längst verlohren ist,

Und das man nirgends find, woll in der Biebel

liest:

Doch den die Vorsehung gesezt in dieses Leben,

Dem hat er hie und da, den Weltraum einge-

geben,

Wo man an ieden Ort, gut, löblich wohnen kan,

Nimt man nur nicht dabei des Ortes Laster an.

Die Wohnung ist da gut, wo man nach Tugend

strebet,

Und in der bösen Welt doch gut und christlich lebet;

Wo man in Sodom zwar sein Wohnungs Zelt auf-

schlägt,

Doch in dem Herzen Scheu, vor Sodoms Greuel hegt;

Wo man bei Kedar wohnt, und dennoch Frieden

liebet,

Bis uns des Höchsten Huld, in Salem Wohnung

giebet.