Belustigende und erbauliche Morgen-Gedanken. Nach Anleitung Mr. Thomsons.
Es läßt das sanfte Morgen-Licht im bunten Osten sich
schon seh'n,
Die kühle Milch der grünen Pflanzen, der Thau, sinkt aus
den grauen Höh'n.
Man siehet an der dünnen Luft unsichtbarn Kreyses äussern
Grenzen,
Und, in und durch derselben Cörper, der Dämmrung annoch
schwaches Glänzen
Sich mit den dunklen Schatten mischen, und sie gemach,
gemach besiegen.
Die Nacht entweicht mit trägem Schritt, der junge Tag
erscheinet schnell,
Formieret eine schöne Weite, um unsre Augen zu vergnügen.
Er zieht vor einem schönen Schauplatz die Decke weg, macht
alles hell,
Und stellet, was vor unser Aug’ sich durch die Dunkelheit
verlor,
Als würd’ es fast aufs neu’ erschaffen, uns, durch den Wech-
sel, schöner vor.
Der fernen Berge neblicht Haupt, der hohen Felsen feuchte
Gipfel,
Der träuflenden gebognen Bäume gewölbte Wolken-gleiche
Wipfel
Erscheinen, nehmen sichtbarlich, mit dem gestärkten Tage, zu.
Was bis daher im Schlaf begraben, wird munter, und ver-
läßt die Ruh.
Auf Feldern hinkt schon hie und dort, im feuchten grünlich-
grauen Grase,
Mit einem ungeschickten Hüpfen, der feige lang-geohrte
Haase.
In Wäldern sieht das leichte Wild den unverhofften Wan-
dersmann,
Mit stutzigen verstöhrten Blicken, und ausgereckten Hälsen,
an.
Ein’ unvermuhtete Music erwachet gleichsam hin und
wieder,
In ganz verschiednen Tönen schallen der Creaturen Morgen-
Lieder.
Der Vögel angenehmes Gurgeln, der Ochsen und der Schafe
Blecken,
Das helle Wiehern muntrer Pferde, der frühen Hähne
scharfes Krähn,
Das hohle Girren treuer Tauben, der Enten schnatterndes
Getön
Formieren eine Harmonie. Sie scheinen gleichsam zu
entdecken,
Daß sie Dem, Der sie schuf, zur Ehr’, mit Freuden leben,
fühlen, schmecken.
Will denn der, sich zum Schaden, faul- und träge Mensch
das Bett nicht lassen,
Des kühlen Morgens zu geniessen, den lieblichen Geruch zu
fassen,
Der aus bethauten Bluhmen quillt? Will er der stillen
Stunden sich
Denn nicht erfreuen, die zum Denken und frohen Danken
eigentlich
Bestimmt und ihm geschenket scheinen? Will man, da so viel
Guts zu spühren,
Denn, in der That sich selbst bestehlend, so viele Lust mit Fleiß
verlieren?
Will man die schönste Zeit des Lebens, die eigentlich für uns
geschaffen,
Nur unvernünft’gen Thieren lassen, und sie verschnarchen
und verschlafen?
Ist es erlaubt, in gleichsam todter Vergessenheit, in schwar-
zen Träumen,
Den schönsten Theil von unsrer Zeit, den frischen Morgen,
zu versäumen?
Da, leyder! tausend Menschen sterben, die, wie die frühe Zeit
so schön,
Wie lieblich denn die Welt geschmückt, auch nicht ein einzigs
mahl gesehn.
Wie werden wir, da GOtt der HErr uns so viel Gutes wollen
gönnen,
Und wir es gleichsam von uns stossen, doch unser Thun
beschönen können?
Erwacht! dort steigt des hellen Tages durchlauchtiger
Monarch hervor,
Mit güldnem Glanz und Licht gekrönt. Es überschwemmt
sein Strahlen-Heer
Die ganze sichtbare Natur, als wie mit einem Segens-
Meer.
Es wird der, erst durch Jhn so schön geschmückt gewes’ne,
Wolken-Flor,
Durch seine Gegenwart, beschämt. Jhr erst so schöner
Putz verschwindet,
Da man des Lichtes Quelle selbst noch tausend mahl so herr-
lich findet.
Die sich nunmehr vermindernde, verdünnend’ und zertheiln-
de Düfte,
Das sich nunmehr verschönernde, durch ihn gestärkte Blau
der Lüfte,
Der hohen Felsen äußre Spitzen, die prächtig in die Höhe
ragen,
Indem derselben äußre Rand, mit Himmels-Gold, als wie
beschlagen,
Bemerken, selbst darob erfreut, sein’ Ankunft. Bis zuletzt
die Wälder,
Und endlich auch die niedern Flächen der Aecker, Wiesen,
Gärten, Felder,
Durch seinen schrägen Strahl beflossen, in güldnem Glanz
und Schimmer glühn,
Wodurch des Grases und der Blätter vorher schon angeneh-
mes Grün
Noch tausend mahl verschönert wird, die Bluhmen noch viel
schöner blühn.
Nun glänzet alles, was man sieht, Luft, Erde, Felder, Thal
und Hügel,
Absonderlich empfängt die Fluht, als ein polierter Himmels-
Spiegel,
Den hellen Glanz gedoppelt helle,
Es blitzt nicht nur vom regen Schimmer ein’ jegliche bewegte
Welle,
Und suchet einen Fluß von Silber in Schuppen-förmgen
halben Kreisen,
In einer zitternden Bewegung, und schnellem Spielen uns zu
weisen;
Man siehet ihre glatte Flächen auf einer jeden stillen Stelle,
Worinn im reinen Wiederschein, als in geschliffene Kry-
stallen,
Die allerzierlichsten Figuren des Himmels und der Erden
fallen,
(die itzt im hellen Sonnen-Strahl
Sich gleichsam überall vergülden)
Von aller schönen Creaturen so herrlichem Original,
Noch eine liebliche Copie, die Anmuht zu verdoppeln,
bilden.
Muß man bey so viel Herrlichkeiten denn fast gezwungen
nicht gestehn,
Zu ihres grossen Schöpfers Ehren, die Welt sey wunder-
würdig schön?
Und ist nicht jedermann verpflichet, mit Lust und Dank sie
anzusehn?