Belustigende und erbauliche Morgen-Gedanken. Nach Anleitung Mr. Thomsons.

By Barthold Heinrich Brockes

Es läßt das sanfte Morgen-Licht im bunten Osten sich

schon seh'n,

Die kühle Milch der grünen Pflanzen, der Thau, sinkt aus

den grauen Höh'n.

Man siehet an der dünnen Luft unsichtbarn Kreyses äussern

Grenzen,

Und, in und durch derselben Cörper, der Dämmrung annoch

schwaches Glänzen

Sich mit den dunklen Schatten mischen, und sie gemach,

gemach besiegen.

Die Nacht entweicht mit trägem Schritt, der junge Tag

erscheinet schnell,

Formieret eine schöne Weite, um unsre Augen zu vergnügen.

Er zieht vor einem schönen Schauplatz die Decke weg, macht

alles hell,

Und stellet, was vor unser Aug’ sich durch die Dunkelheit

verlor,

Als würd’ es fast aufs neu’ erschaffen, uns, durch den Wech-

sel, schöner vor.

Der fernen Berge neblicht Haupt, der hohen Felsen feuchte

Gipfel,

Der träuflenden gebognen Bäume gewölbte Wolken-gleiche

Wipfel

Erscheinen, nehmen sichtbarlich, mit dem gestärkten Tage, zu.

Was bis daher im Schlaf begraben, wird munter, und ver-

läßt die Ruh.

Auf Feldern hinkt schon hie und dort, im feuchten grünlich-

grauen Grase,

Mit einem ungeschickten Hüpfen, der feige lang-geohrte

Haase.

In Wäldern sieht das leichte Wild den unverhofften Wan-

dersmann,

Mit stutzigen verstöhrten Blicken, und ausgereckten Hälsen,

an.

Ein’ unvermuhtete Music erwachet gleichsam hin und

wieder,

In ganz verschiednen Tönen schallen der Creaturen Morgen-

Lieder.

Der Vögel angenehmes Gurgeln, der Ochsen und der Schafe

Blecken,

Das helle Wiehern muntrer Pferde, der frühen Hähne

scharfes Krähn,

Das hohle Girren treuer Tauben, der Enten schnatterndes

Getön

Formieren eine Harmonie. Sie scheinen gleichsam zu

entdecken,

Daß sie Dem, Der sie schuf, zur Ehr’, mit Freuden leben,

fühlen, schmecken.

Will denn der, sich zum Schaden, faul- und träge Mensch

das Bett nicht lassen,

Des kühlen Morgens zu geniessen, den lieblichen Geruch zu

fassen,

Der aus bethauten Bluhmen quillt? Will er der stillen

Stunden sich

Denn nicht erfreuen, die zum Denken und frohen Danken

eigentlich

Bestimmt und ihm geschenket scheinen? Will man, da so viel

Guts zu spühren,

Denn, in der That sich selbst bestehlend, so viele Lust mit Fleiß

verlieren?

Will man die schönste Zeit des Lebens, die eigentlich für uns

geschaffen,

Nur unvernünft’gen Thieren lassen, und sie verschnarchen

und verschlafen?

Ist es erlaubt, in gleichsam todter Vergessenheit, in schwar-

zen Träumen,

Den schönsten Theil von unsrer Zeit, den frischen Morgen,

zu versäumen?

Da, leyder! tausend Menschen sterben, die, wie die frühe Zeit

so schön,

Wie lieblich denn die Welt geschmückt, auch nicht ein einzigs

mahl gesehn.

Wie werden wir, da GOtt der HErr uns so viel Gutes wollen

gönnen,

Und wir es gleichsam von uns stossen, doch unser Thun

beschönen können?

Erwacht! dort steigt des hellen Tages durchlauchtiger

Monarch hervor,

Mit güldnem Glanz und Licht gekrönt. Es überschwemmt

sein Strahlen-Heer

Die ganze sichtbare Natur, als wie mit einem Segens-

Meer.

Es wird der, erst durch Jhn so schön geschmückt gewes’ne,

Wolken-Flor,

Durch seine Gegenwart, beschämt. Jhr erst so schöner

Putz verschwindet,

Da man des Lichtes Quelle selbst noch tausend mahl so herr-

lich findet.

Die sich nunmehr vermindernde, verdünnend’ und zertheiln-

de Düfte,

Das sich nunmehr verschönernde, durch ihn gestärkte Blau

der Lüfte,

Der hohen Felsen äußre Spitzen, die prächtig in die Höhe

ragen,

Indem derselben äußre Rand, mit Himmels-Gold, als wie

beschlagen,

Bemerken, selbst darob erfreut, sein’ Ankunft. Bis zuletzt

die Wälder,

Und endlich auch die niedern Flächen der Aecker, Wiesen,

Gärten, Felder,

Durch seinen schrägen Strahl beflossen, in güldnem Glanz

und Schimmer glühn,

Wodurch des Grases und der Blätter vorher schon angeneh-

mes Grün

Noch tausend mahl verschönert wird, die Bluhmen noch viel

schöner blühn.

Nun glänzet alles, was man sieht, Luft, Erde, Felder, Thal

und Hügel,

Absonderlich empfängt die Fluht, als ein polierter Himmels-

Spiegel,

Den hellen Glanz gedoppelt helle,

Es blitzt nicht nur vom regen Schimmer ein’ jegliche bewegte

Welle,

Und suchet einen Fluß von Silber in Schuppen-förmgen

halben Kreisen,

In einer zitternden Bewegung, und schnellem Spielen uns zu

weisen;

Man siehet ihre glatte Flächen auf einer jeden stillen Stelle,

Worinn im reinen Wiederschein, als in geschliffene Kry-

stallen,

Die allerzierlichsten Figuren des Himmels und der Erden

fallen,

(die itzt im hellen Sonnen-Strahl

Sich gleichsam überall vergülden)

Von aller schönen Creaturen so herrlichem Original,

Noch eine liebliche Copie, die Anmuht zu verdoppeln,

bilden.

Muß man bey so viel Herrlichkeiten denn fast gezwungen

nicht gestehn,

Zu ihres grossen Schöpfers Ehren, die Welt sey wunder-

würdig schön?

Und ist nicht jedermann verpflichet, mit Lust und Dank sie

anzusehn?