Beschreibung einer ausserordentlich-lieblichen Winter- Witterung in Ritzebüttel.

By Barthold Heinrich Brockes

Man schrieb, nach siebzehn hundert Jahren, noch

fünf und dreißig an der Zahl,

Als, nach dem dreißigsten November, ein’ unvergleichlich-

schöne Nacht

Uns einen wunderschönen Himmel, in einer nie gesehnen

Pracht,

Voll kleiner runden Wolken, zeigte, die alle, durch des

Mondes Strahl,

An ihren äussern Theilen weiß, und in der Mitte dunkel

waren.

Das reine Dunkelblau des Himmels, das durch die Oeff-

nungen zu seh'n,

Und, durch die weisse Nachbarschaft der Wolken schön,

auch diese schön

Von jener dunklen Klarheit ward, durchstrahlten heller

Sterne Schaaren,

Die, durch den dunklen Grund erhöht, noch ein viel hell-

und reiner Licht,

Als wie man sonst zu seh’n gewohnt, dem es betrachtenden

Gesicht,

In einem reinen Schimmer, zeigten. Zuweilen war der

Mond bedecket,

Zuweilen brach er sanft hervor, bald stand er halb, bald

wieder ganz,

In einem majestätischen, in einem röhtlich-hellen Glanz,

Zuweilen war er im Gewölk aufs neue wiederum ver-

stecket,

Das auch zuweilen röhtlich schien. Auf diese wunder-

schöne Nacht

Folgt’, in ganz ungemeiner Schönheit, und Wärm’, und

Heiterkeit, und Pracht,

Ein ja so wunderschöner Tag. Wir traten in December

ein,

Mit einer solchen stillen Luft, in solchem heitern Sonnen-

schein,

Daß keiner je dergleichen sah. Die Luft war voller kleinen

Fliegen,

Die Mücken spielten hin und wieder. Mit recht bewun-

derndem Vergnügen

Sah man, so gar im klaren Wasser, mit schnellem Schies-

sen, hier und dort,

Durch klein Gewürm’ erregte Blitze, recht wie man es im

Sommer sieht.

Es schwärmten Bienen hin und wieder, man sah annoch,

an manchem Ort,

Den Rest noch nicht verwelkter Kräuter mit bunt-gefärb-

tem Thau besprützt.

Man sahe, mit vergnügtem Blick, schon wieder an den

schwanken Zweigen

Bemooster Weyden-Bäum’ aufs neu die wieder eingetretne

Kraft

In einem lieblich-bräunlich-rohten, mit Purpur unter-

mischten Saft,

In ihren aufgequollnen Rinden, in einem glatten Glanz,

sich zeigen.

Das Vieh ward wieder ausgetrieben, und fand auf den

noch grünen Weiden,

Nach dem im Stall genoßnen Heu und dürren Stroh,

mit neuen Freuden,

Noch, und schon, alt- und junges Gras, mit fröhlicher

Bewundrung, stehn.

Ja, wie es oftermahl im Sommer, zur Abend-Zeit, pflegt

zu gescheh'n;

Hab ich, noch mitten im December, im Garten Kröten

hüpfen seh'n.

Der Aecker dunkel-braunen Grund war, in dem hellen

Strahl der Sonnen,

Mit Diamanten-gleichen Fäden bedecket mehr, als über-

sponnen,

Die, da sie, durch die sanfte Luft, fast unaufhörlich sich

bewegten,

Durch ihren wandelbaren Glanz, den Augen eine Lust

erregten.

Zumahl, wenn einige von ihnen getrennet, in die Höh’

gezogen,

Mit dem veränderlichen Schimmer bald hier, bald dorten

schwebt- und flogen.

Jm Garten sahe man, mit Anmuht, der meist gevierten

Beeten Grenzen,

Den glatten immer grünen Buxbaum nicht nur im hellen

Schimmer glänzen;

Ich hab ein klein Aurikelchen so gar in rohter Blühte

steh'n,

Und, von der Sonnen Licht durchstrahlet, fast mehr noch

glüh'n, als blüh'n geseh'n.

Durch die so mannigfache Schönheit, und die so ausser-

ordentlich,

Ward, durchs Gesicht, mein Geist gerührt, recht ungemein

ergetzt' ich mich,

Zumahl ich, wie wir öfters sollten, an Schöpfer aller

Dinge dachte,

Und für die mir gegönnte Lust Jhm meinen Dank zum

Opfer brachte.

Bey dieser Andacht-vollen Lust, und sanften Freude, fiel

mir bey:

Daß alles, was auf Erden schön, nicht schön, ohn’ Licht

und Auge, sey.

Man sieht demnach nicht nur, wie nöhtig, zu GOttes

Ruhm, die dreyerley,

Und da von ihnen keines fehlt, wie nöhtig unsre Kraft,

das Denken

Mit diesen dreyen zu verbinden: weil, wo dasselbe nicht

geschicht,

Und wir nicht unsrer Seele Sinnen auch zu des Cörpers

Sinnen lenken;

So siehet, auch mit offnen Augen, doch unsre Seele wirk-

lich nicht,

Einfolglich bleiben GOttes Werke unsichtbar, wenn wir

nicht erwegen,

Zu unsrer Lust, und in der Lust, daß ihre Schönheit,

Ordnung, Pracht

Von Dessen Lieb’ und Weisheit zeugen, Der sie so wun-

derschön gemacht,

Und daß sie alle klare Proben von GOttes Allmacht in

sich hegen.

Dieß thu ich nun, o grosser Schöpfer! und da ich, ausser-

ordentlich,

Jm Winter fast den Sommer sehe, und mancherley Ver-

gnügen spühre;

So fühl ich, daß die Creatur mich sanft zu ihrem Schöp-

fer führe,

Und, voller Lust ob Deinen Wundern, o HErr! erheb

und lob ich Dich.

Noch mehr, als ich nachher so gar

Noch in des Winter-Monats Mitte die Witterung im

selben Jahr

Nicht nur so leidlich bleiben sah, ja, daß ich gar am kürz-

sten Tage

Zwar etwas Eis und etwas Schnee, der hin und her zer-

streuet lage,

Doch selbes in der Mittags-Sonne so hell und schön

bestrahlt erblickte,

Daß sich der Acker überall, als wär er übersilbert, schmückte.

Wobey ich denn, vom Sonnen-Strahl, in welchem ich

bewundernd stand,

Sowohl die stille Luft fast lau, als, mit der ausgestreckten

Hand,

Vom Sonnenschein bestrahlte Bretter recht warm, als

wie im Sommer, fand.

Es ließ dadurch sich auch der Schnee, der auf den brau-

nen Kohl gefallen,

Und in den krausen Ecken hing, zumtheil geschmolzen,

wunderschön,

In den durchstrahlten grossen Tropfen, als rein-geschlisne

Berg-Krystallen,

Bey auch durchstrahltem bunten Laub, in tausend bunten

Blitzen seh'n.

Ich dacht hierüber bey mir selbst, wie kann doch dieses

möglich seyn,

Daß wir noch so viel Wärme spühren bey so entferntem

Sonnenschein?

Und fand, es sey dieß ein Beweis von unsrer Sonnen

eignen Kraft,

Daß sie auch in der Ferne wirkt, und daß nur bloß die

Eigenschaft

Der Theilchen in der Luft es hindert, daß unsre Welt

nicht allemahl

Das immer gleiche Lebens-Feuer von ihrem Flammen-

reichen Strahl

In einem gleichen Grad empfindet. Und weil denn dieses

schaden könnte,

Wenn eine gar zu starke Gluht die Erde minder wärmt’

als brennte,

Einfolglich uns nicht nützen würde; so spührt ich aber-

mahl hiebey,

Wie unsers Schöpfers weise Macht auch hierinn zu be-

wundern sey.

Kaum hatt’ ich dieß Gedicht geschlossen, das vor dem

Weyhnacht-Fest geschah,

Am sogenannten heil’gen Abend, als ich aufs neu noch

etwas sah,

So man nicht leicht im Winter sieht. Ein schöner Regen-

Bogen zierte

Den Himmel, Nord-Nord-Ostenwerts. Der bunten

Farben holde Menge

Formierte, recht zur Mittags-Zeit, ein unvermuhtetes

Gepränge,

Das durch die Zeit, und durch den Ort sowohl, als durch

sich selbst, mich rührte.

Ich stieg auf mein erhaben Thürmchen, um i

der Fern zu seh'n,

Und sah, bewundernd, einen Schenkel, im Osten, in der

Elbe steh'n,

Den andern mehrentheils im Norden, allwo ich gleichfalls

seinen Stand

In dem sanft fliessenden Gewässer der Elbe, wie es liesse, fand.

Ich sahe diesen schönen Bogen mit Freuden an, und kam

er mir,

Je mehr er unvermuhtet kam, um desto mehr beträchtlich

für.

Es machten mir die schönen Farben, und seine Regel-

rechte Ründe,

Den Augen, auch dem Geist Vergnügen, weil ich zugleich

in ihm befinde,

Daß er ein Gnaden-Zeichen ist. Daher ich mich, mit

froher Seele,

Indem ich ihn, mit Andacht, schau, Dir, HErr! zur fer-

nern Gnad' empfehle.

Ich hätte dieß Gedichte nun schon mehr, als einmahl,

schliessen können,

Und hab es auch bereits gethan: weil aber unser Schöpfer

mir

Die Lust der schönen Witterung nachher noch länger wol-

len gönnen;

So halt ich mich dazu verpflichtet, der Erden Schmuck,

des Himmels Zier,

Auch desto länger zu beschreiben, zumahl, da sie an diesem

Ort

So gar was ungewohntes ist. Darum so fahr ich ferner

fort.

Bey einer ungemeinen Stille, und Sternen-reichen

Abend-Zeit,

Am neun und zwanzigsten December, sah ich an den sap-

phirnen Höhen

Ein unvermuhtet Norder-Licht, ehe ich es mir versah,

entstehen.

Es fuhren erst verschiedne Strahlen, mit ungemeiner

Schnelligkeit,

Von unten aufwerts, aber bald verschwunden sie, und

blieb allein

Ein’ ungemeine lichte Wolke, in einem gelblich-weissen

Schein,

So anfangs still und unbewegt; allein in einem Au-

genblick

Verkürzte sie sich in sich selbst, lief eilend Westenwerts

zurück,

Ja rollte sich recht in einander, so schnell, daß ich ver-

wundert stand,

Worauf denn alles, Wolken, Strahlen, eh’ ich es mir

versah, verschwand.

Es daurete das schöne Wetter so lange, wie das alte

Jahr,

Nur daß allein der letzte Tag sehr stürmerisch und reg-

nigt war.

Allein, noch in derselben Nacht verändert es sich so ge-

schwinde,

Daß es gewiß nicht glaublich ist. Es hatten sich die

scharfen Winde

-7 So schnell auf einmahl abgeführt, so daß man früh, halb

ausser sich,

Die Erde ganz verändert sah. Es war ganz ausseror-

dentlich

Die Fläche trocken, und die Luft so rein, so heiter und

gelinde,

Als man es kaum im Sommer fühlt. Ein wenig hatt’

es zwar gefroren,

Doch eben dadurch hatte sich, was schlackrich war, so

gar verlohren,

Daß alles, was man sahe, glänzte, und dieses hat bis-

her gewährt,

Da man bereits den achten schreibt, so daß in der sonst

rauhen Zeit

Die reine Luft, das trockne Feld, an Schönheit und an

Lieblichkeit,

Wobey man nichts von Kälte wußte, sich nicht vermin-

dert, nein vermehrt.

Heut’ war das reine Firmament, durch solch ein lieblich

Blau, gezieret,

Voll zarter Silber-weisser Wolken, daß es das Herz,

durchs Auge, rühret.

Der sanfte Südwind hauchte nur, es fror, und war

doch so gelinde,

Daß es fast unbegreiflich war. Es ruheten die schar-

fen Winde,

Es ruheten, vom unbewegeten Gesträuch, so gar die net-

ten Schatten

Auf den vom halb-geschmolznen Schnee fast recht kry-

stallisirten Matten.

In den halb weiß-halb schwarzen Furchen, voll klarem

Eise, zeigte sich

Von dem schon aufgegangnen Korn so mancher lieblich-

grüner Strich,

Daß man, wenn man bey ihrer Schönheit oft fast ge-

zwungen stille stund,

Ob dieser frühen Pracht und Schönheit fast nicht genug

verwundern kunt.

Am andern Orte sahe man die Furchen, gleich erstarrten

Wellen,

Voll Schnee, als wären sie beschäumt. Es schien auf

flacher Ferne sich,

Durch dieß gemischte Schwarz und Weiß, recht eine

Dämmrung vorzustellen,

Die gleichfalls sehr beträchtlich war. Man sah, mit

innigem Vergnügen,

Auf den so glatt-gefrornen Graben, die mein erhaben

Schloß umgeben,

Die Jugend theils geschäftig glitzschen, theils auf po-

liertem Schritt-Schuh schweben,

Theils auf so klein-als grossen Schlitten bald hie, bald

dorten gleichsam fliegen,

Und schwärmend durch einander wühlen. Den Abend

war die Luft so klar,

Daß ich mich nie erinnere solch’ ungezählte Sternen-

Schaar

Am Firmament gesehn zu haben. Ich sah, bewundernd,

wunderschön

Gestirne, die ich, meines Wissens, noch nie vermerkt,

noch nie geseh'n,

So mich zu einer innren Lust, und, durch derselben helle

Pracht,

Den, Der so grosser Lichter Menge durch einen Wink

aus Nichts gemacht,

In ehrerbietigster Bewundrung, zu loben und zu danken

bracht.

Den Tag darauf brach abermahl, mit einem ganz ent-

wölkten Schein,

Das schöne Gold der Morgen-Sonne, durch eine sanfte

Luft, herein,

Und daurete den ganzen Tag, so daß ich in der Sonnen

Gluht,

Voll Anmuht, mich gewärmet habe. Wobey in der

bestrahlten Fluht

Ich etwas sonderlichs betrachtet, daß sie im Sonnen-

schein gefror.

Ich konnte mit den Augen seh’n, wie sich die Flüßigkeit

verlohr,

Wie ihre nasse Fläche trocken, und wie ihr weiches We-

sen hart,

Die Dünnigkeit allmählig dick, die ebne Glätte rauher

ward,

Und kurz, was erst beweglich war, war in dem Augen-

blick erstarrt,

Und ward zu einem zarten Eis. Wobey ich, mit Er-

staunen, sah,

Daß alles dieß im Sonnen-Strahl, und bey recht lauer

Luft, geschah.

Die Nacht darauf war ja so heiter, so schön, und ja so

Sternen-reich,

Als wie die vorige gewesen. Der Tag war dem vergang-

nen gleich,

Es hatte wiederum gefrostelt, doch war es nicht verdrieß-

lich kalt,

Luft, Eis und Erde blieb annoch bey ihrer vorigen Ge-

stalt,

In Heiterkeit, in Glanz und Anmuht. Daher der zehnte

Januar

Nicht minder angenehm und lieblich, als der vergangnen

Anmuht war.

Der eilfte fuhr, in gleicher Stille, und mit noch etwas

lau'rer Luft,

Indem es sanfte dauete, und ein gelinder Nebel-Duft

Das Firmament zuweilen deckte, zu unserer Bewundrung,

fort.

So daß ich, da ich in dem Garten vergnüglich hin und her

spatzierte,

Und das begrünte Feld besah, nicht die geringste Kälte

spührte.

Am zwölften Januario war Erd' und Himmel aber-

mahl

Mit reiner Heiterkeit erfüllt, es funkelte der Sonnen

Strahl,

Es schienen die halb grünen Felder, in ihrem Schimmer,

fast vergüldet,

Man sah, im Spiegel-glatten Eise, den Sonnen-Cörper

selbst gebildet.

Und obgleich etwas mehr, als gestern, ein kühler Wind

aus Osten ging;

So hörte man doch, wie die Lerche schon lieblich anzu-

singen fing.

Es waren die enteisten Aecker nun auch nicht mehr von

Schnee bedecket,

Als den der sanfte Sonnen-Strahl schon aufgethaut

und aufgelecket.

Sie waren lucker, wie im Frühling. Ich ward, mit

Anmuht, hier und dar

Auf des gefrornen Wassers Fläche viel’ kleine Prismata

gewahr,

Indem auf den polierten Höhen das hell entwölkte Son-

nen-Licht

An ihren rein durchsichtgen Ecken, auf unterschiedne

Art, sich bricht,

Und viele bunte Farben zeugte. Und kurz: es war auch

dieser Tag

So lieblich, als, zu dieser Zeit, man ihn fast nie zu sehen

pflag.