Beschreibung eines herrlichen Morgens und einer schönen Landschaft.

By Barthold Heinrich Brockes

Man sah annoch auf grünen Feldern, vom jüngst gefall-

nen kühlen Thau,

Ein durch der Dämmrung graues Licht gefärbtes saftigs

Silber-Grau.

Das Morgenroht fing eben an, der Berge Gipfel zu ver-

gülden,

Des glatten Wassers Fläche gleichfalls die nahen Vorwürf’

abzubilden.

Die Mücken machten denen Fliegen, dem Licht die dunklen

Schatten, Raum.

Der Vögel gurgelnde Gesang erschallte fast von jedem Baum;

Als ich, nachdem ich wohl geruht, mich fröhlich auf das Feld

verfügte,

Und, halb erstaunet, an der Pracht der Creaturen mich

vergnügte.

Wie nun der Cörper Seel’ und Wonne, der Sonnen Licht

und Lebens-Strahl,

Der Erden Fläche ganz befloß, und Wälder, Felder, Berg’

und Thal

Ins helle Licht-Reich eingetreten; ward alles, was das Aug’

erblickt,

Mit einem mehr als irdschem Glanz, verklärt, erleuchtet

und geschmückt.

Kurz: Alles, was man auf der Erden, in Luft und Wasser

sehen kann,

Fällt uns voll Anmuht in die Augen, und fieht uns gleichsam

lächelnd an.

Man sah bereits den Sonnen-Strahl sich mit der grauen

Dämmrung mischen,

Und ihn vom nassen Felde schon der Wolken Thränen gleich-

sam wischen.

Die Welt, durch ihr erquickend Feuer und heitern Schimmer

angestrahlt,

Ward überall mit einem Glanz, wodurch sich, samt den grü-

nen Büschen,

Der Kräuter und der Bluhmen Heere, recht, als aufs neu

belebt, erfrischen,

Und der auf ihren Blättern schwebet, mit einer grünen

Gluht bemahlt.

Es streckte nah an diesem Walde, voll Nahrungs-reicher

fetter Weide,

Ein angenehmer grüner Hügel den bunt-beblühmten Rücken

her,

Von vielen Wollen-reichen Heerden und Horn-Vieh schien

er gleichsam schwehr,

Der Seiten sanfter Abhang glänzt’ vom gelben reifenden

Getrayde.

Dort sah man weisse, fette Schafe beschäftiget, das feinste

Gras,

Mit regem Zahn und kurzem Ruck, von unten aufwerts

abzurupfen,

Dort, durch verwachsne dunkle Büsche, oft muntre junge

Lämmer schlupfen,

Hier, wie so manches glatte Kalb das Laub von schlanken

Reisern fraß,

Da, das poßierliche Geschöpf der bärtigen, gehörnten

Ziegen,

Hier eine Menge satter Küh’ gestreckt, in frischer Kräutern,

liegen,

Und, ohne den geringsten Schein, von Unruh Gram und

Unvergnügen,

Auf angenehm-beblühmten Rasen,

Mit kräftig-schnaufendem Getön,

Theils stehn und wiederkau’n, theils graser.

Hier sieht man manchen raschen Gaul, voll Muht, den

stolzen Nacken drehn,

Des Halses wallendes Gepränge, die Mähne, hin und wieder

schwingen,

Bald, mit gestrecktem leichten Fuß, durch Büsch’ und über

Gräben springen,

Bald wieder, mit gespitztem Ohr, hell-wiehernd plötzlich

stille stehn,

Und, als mit einem Hohn-Geschrey, die ihn beschauen, auch

besehn.

Als ob er sie zum Wettlauf locken, und ihrer spotten wollt,

indessen,

Daß andre, mit gesenktem Haupt, Klee, Bluhmen, Gras

und Kräuter fressen,

Mit knarschendem, geschärftem Biß, und, um die Fliegen zu

verjagen,

Mit dem behaarten regen Schweif sich stets die glatten

Seiten schlagen.

Doch, was ich dort mit Anmuht seh, ist fast das lieblichste

von allen.

An des bebüschten Hügels Fuß, dort in der Silber-reinen

Fluht

Des Rohr- und Binsen-reichen Bachs, als in beweglichen

Krystallen,

Sieht man, vom angestrahlten Vieh, das theils im bunten

Grase ruht,

Theils stille seht und wiederkau’t, im Wiederschein, die Bilder

fallen

So deutlich, als in einem Spiegel. Es spiegelt sich zu

gleicher Zeit

Der nahe Busch, und füllt das Wasser mit einer grünen

Klarheit an,

Daß man, vom Baum, den Schatten-Baum kaum kaum

nur unterscheiden kann.

In diesem klaren Wasser-Spiegel, in diesem dunkel-

grünen Grunde,

Wodurch das Bild der bunten Heerde noch deutlicher erhoben

stunde,

Erblickt man eine neue Schönheit, da oft ein Wasser-Liljen-

Blatt

Ein hell-grün Inselchen formiert, und, nebst noch kleinern

Wasser-Linsen,

Bald an dem Fuß vom hellen Schilf, und bald bey dunkel-

grünen Binsen,

Die schöne Landschaft noch verschönert, indem sie von der

Sonnen Schein,

Der gleichsam übers Wasser gleitet, allein nur angestrahlet

seyn.

Seht, wie bald hier ein helles Grün, bald dort ein lieblich-

helles Licht,

Das hier am jungen Schilf am Ufer, und dort in bunten

Bluhmen, glimmet,

Die klar’ und grüne Dunkelheit, die auf der glatten Fläche

schwimmet,

Ja, unser Auge fast bezaubert, mit holdem Wechsel unter-

bricht,

Und, durch den Gegensatz, erhebt. Kurz, scheint nicht dieses

klare Naß,

Von der formierenden Natur, ein recht formiertes Spiegel-

Glas,

Um nicht allein der Erden Schmuck, Laub, Bluhmen, Bäume,

Kraut und Gras,

So gar des Himmels hellen Schmuck, den Schöpfer desto

mehr zu preisen,

In solchem hellen Wiederschein, gedoppelt angenehm zu

weisen?

Wer nun, bey solchem hellen Morgen, der schönen Erde

Schönheit sieht,

Wie alle Creatur, verjüngt, in einem bunten Schimmer

glüht;

Wie kann der ungerühret bleiben, wie kann der, kälter als

ein Stein,

Vor aller Schönheit grossem Ursprung, ohn’ Ehrfurcht,

unempfindlich seyn!