Betrachtung der Gestalt der Erde bey dem Ende des Winters.

By Barthold Heinrich Brockes

Der rauhe Februarius

War allbereit zum längst verlangten Schluß,

Bey einer heitern Lufft, gekommen.

Der Mertz hatt seinen Platz kaum wieder eingenommen.

Die Sonne zeigte schon, bey unsrer Wiederkehr,

Die Erstling’ ihrer neuen Liebe,

Indem ihr sanfter Strahl ie mehr und mehr

Die Wärme durch den Lufft-Kreis triebe.

Das Feld war hie und da mit Schnee annoch bedeckt,

Doch ward er hie und da schon gleichsam aufgeleckt,

Theils floß er aufgelöst, und dort verband er sich

Aufs neue durch den Frost, im Schatten sonderlich,

Und ward daselbst zu glattem Eise.

Dieß funckelte nun hie und dort,

Zumahl an manchem andern Ort,

Und sonderlich in mancher Wagen-Gleise.

Dieß sah’ ich jüngst mit Lust, zur hellen Mittags-Zeit,

In einer reinen Heiterkeit,

Es gläntzt’ und schien das Feld, als wären Berg-Crystallen

Darüber hergelegt. Die Landschaft glimmt und glüht,

Wann unser Blick den Strahl der Sonnen rückwärts prallen,

Und doppelt heller gläntzen sieht.

Dieß that den Augen wol. Allein,

An andern Orten ließ uns eben dieser Schein

Ein traurigs Schau-Spiel sehn.

Da, wo der Schnee geschmoltzen war,

Erblickte man der Erden dünnes Haar

Verwirrt, vermodert, welck. Das gelblich bleiche Gras

Ließ der vorhin erhabnen Spitzen prangen

In schmutzig grauer Farb’ erbärmlich abwärts hangen.

Die Erde selber war morastig, häßlich naß,

Jhr morscher Cörper schien zu faulen und zu gähren,

Jhr Fleisch in zähen Schlamm, in Wust ihr Nahrungs-

Und ihre Haut in Koth, sich zu verkehren.

Was man von ihr erblickt’, war schlüpfrig, eckelhaft,

Schwartz, sumpfig, ungestalt. Der Anblick rührte mich,

Die traurige Figur und Farbe stellte sich

Den Sinnen eigentlich,

Als eine Art Verwesung, dar.

Muß unsre Mutter auch so gar

Die Fäulniß und Verwesung leiden!

Rieff ich betrübt. Allein,

Wie bald verschwand das Trauren! da der Schein

Und Glantz der Wahrheit mich ein besseres belehrte:

Daß diese Fäulniß sich in Fruchtbarkeit,

Die Häßlichkeit in Schönheit sich verkehrte:

Und daß sie, in gar kurtzer Zeit,

Durch eben diese schwartz- und scheußliche Figur,

Nach weiser Ordnung der Natur,

Zu einer Wunder-schönen Pracht,

Zu einem lieblichen beblühmten Stand gebracht,

Und unausdrücklich schön geschmücket würde werden.

Ach! fiel mir ferner noch, bey der Betrachtung, ein:

Wie kann uns Menschen doch dieß Bild der Erden

Solch ein vortreffliches und Lehr-reich Sinn-Bild seyn!

Wer glaubte wol, wenn er es sonst nicht wüste,

Und der Erfahrung weichen müste,

Daß die morastige Gestalt

Der faulen Erde sich in solchen Schmuck verkehren,

Viel Millionen Frücht’ und Bluhmen uns gebähren,

So lieblich prangen würd’, und zwar so bald!

Laß dieses uns denn doch ein lehrend Beyspiel seyn,

Die wiederbellende Vernunst zu überführen,

Daß, wenn auch wir, im Sarg, der Cörper Schmuck und

Durch Fäulniß, Moder, Wust und Würmer Zahn verlieren,

Wir darüm doch auf eine gleiche Weise,

Dem Schöpfer der Natur zum Preise,

Als Dem es ja an Macht und Liebe nicht gebricht,

In jenes seelgen Lebens Lentzen

Geschmückt, verherrlichet, in einem ew’gen Licht,

Und unvergänglicher Verklärung, werden gläntzen.