Betrachtung der Gestalt der Erde bey dem Ende des Winters.
Der rauhe Februarius
War allbereit zum längst verlangten Schluß,
Bey einer heitern Lufft, gekommen.
Der Mertz hatt seinen Platz kaum wieder eingenommen.
Die Sonne zeigte schon, bey unsrer Wiederkehr,
Die Erstling’ ihrer neuen Liebe,
Indem ihr sanfter Strahl ie mehr und mehr
Die Wärme durch den Lufft-Kreis triebe.
Das Feld war hie und da mit Schnee annoch bedeckt,
Doch ward er hie und da schon gleichsam aufgeleckt,
Theils floß er aufgelöst, und dort verband er sich
Aufs neue durch den Frost, im Schatten sonderlich,
Und ward daselbst zu glattem Eise.
Dieß funckelte nun hie und dort,
Zumahl an manchem andern Ort,
Und sonderlich in mancher Wagen-Gleise.
Dieß sah’ ich jüngst mit Lust, zur hellen Mittags-Zeit,
In einer reinen Heiterkeit,
Es gläntzt’ und schien das Feld, als wären Berg-Crystallen
Darüber hergelegt. Die Landschaft glimmt und glüht,
Wann unser Blick den Strahl der Sonnen rückwärts prallen,
Und doppelt heller gläntzen sieht.
Dieß that den Augen wol. Allein,
An andern Orten ließ uns eben dieser Schein
Ein traurigs Schau-Spiel sehn.
Da, wo der Schnee geschmoltzen war,
Erblickte man der Erden dünnes Haar
Verwirrt, vermodert, welck. Das gelblich bleiche Gras
Ließ der vorhin erhabnen Spitzen prangen
In schmutzig grauer Farb’ erbärmlich abwärts hangen.
Die Erde selber war morastig, häßlich naß,
Jhr morscher Cörper schien zu faulen und zu gähren,
Jhr Fleisch in zähen Schlamm, in Wust ihr Nahrungs-
Und ihre Haut in Koth, sich zu verkehren.
Was man von ihr erblickt’, war schlüpfrig, eckelhaft,
Schwartz, sumpfig, ungestalt. Der Anblick rührte mich,
Die traurige Figur und Farbe stellte sich
Den Sinnen eigentlich,
Als eine Art Verwesung, dar.
Muß unsre Mutter auch so gar
Die Fäulniß und Verwesung leiden!
Rieff ich betrübt. Allein,
Wie bald verschwand das Trauren! da der Schein
Und Glantz der Wahrheit mich ein besseres belehrte:
Daß diese Fäulniß sich in Fruchtbarkeit,
Die Häßlichkeit in Schönheit sich verkehrte:
Und daß sie, in gar kurtzer Zeit,
Durch eben diese schwartz- und scheußliche Figur,
Nach weiser Ordnung der Natur,
Zu einer Wunder-schönen Pracht,
Zu einem lieblichen beblühmten Stand gebracht,
Und unausdrücklich schön geschmücket würde werden.
Ach! fiel mir ferner noch, bey der Betrachtung, ein:
Wie kann uns Menschen doch dieß Bild der Erden
Solch ein vortreffliches und Lehr-reich Sinn-Bild seyn!
Wer glaubte wol, wenn er es sonst nicht wüste,
Und der Erfahrung weichen müste,
Daß die morastige Gestalt
Der faulen Erde sich in solchen Schmuck verkehren,
Viel Millionen Frücht’ und Bluhmen uns gebähren,
So lieblich prangen würd’, und zwar so bald!
Laß dieses uns denn doch ein lehrend Beyspiel seyn,
Die wiederbellende Vernunst zu überführen,
Daß, wenn auch wir, im Sarg, der Cörper Schmuck und
Durch Fäulniß, Moder, Wust und Würmer Zahn verlieren,
Wir darüm doch auf eine gleiche Weise,
Dem Schöpfer der Natur zum Preise,
Als Dem es ja an Macht und Liebe nicht gebricht,
In jenes seelgen Lebens Lentzen
Geschmückt, verherrlichet, in einem ew’gen Licht,
Und unvergänglicher Verklärung, werden gläntzen.