Betrachtung der in den Knospen ent- haltenen Wunder.
Willkommen, liebste Frühlings-Sprossen,
Die ihr theils grünet, theils schon blüht;
Jhr Knospen, die man ofters sieht,
Eh’ man es meint, schon aufgeschlossen;
Die ihr recht von einander springt,
Und, sonderlich bey schönen Wetter,
Uns eine Menge schöner Blätter,
Als lauter Wunder-Kinder, bringt!
Wie würd’ uns euer Glantz und Schein
So nützlich und ersprießlich seyn,
Eröfnetet ihr uns zugleich
Welch eine wunderbare Kraft
In euren Wesen wirckt! was euch
Und euren regen Wunder-Saft
So kräftig in Bewegung bringet!
Ob ihr nur Stoß-weis’, oder nicht
Vielmehr beständig, vorwerts dringet!
Ach, gäbet ihr uns doch Bericht,
Woher der Farben Schmuck, der Bildung Zierlichkeit,
Die Anmuth des Geschmacks in eurer Frucht entstehet!
Wie kann sich in so rauhen Rinden
Ein solcher strenger Trieb, solch’ eine Kunst, befinden,
Die, besser als der Menschen Hand,
Ja aller menschlicher Verstand,
Geschickt, so liebliche Figuren zu formiren,
Sie so zu färben und zu zieren!
Wahrhaftig, wenn ich bey euch steh
Und eure Form und Farben-Pracht beseh,
Erstaunt mein Geist mit Recht und dencket:
Kommt dieß von ungefehr? Ach nein:
Der diese Kraft in euch gesencket,
Muß groß, muß eine GOttheit seyn!