Betrachtung der Meeres-Tiefe.

By Barthold Heinrich Brockes

Da ich allhier, des Meeres Anfang, im Mund der Elbe,

täglich sehe,

Wenn ich, von dem erhabnen Schloß, des breiten Wassers

flache Höhe,

Die uns nur sich, und Luft und Himmel, und keinen andern

Vorwurf, weiset,

Die keine Schranken, Ziel noch Grenzen, die keinen Strand,

kein Ufer kennt;

So deucht mich, (da dieß wild und prächtig, und nütz- und

schrecklich Element,

In seiner Grösse, Macht und Schönheit, besonders Dessen

Allmacht preiset,

Durch Dessen Wink es ward und ist, durch Dessen Hauch es

währt und fliesset,

Durch Dessen Wort und gnädigs Wollen, aus diesem Meer,

ein Segens-Meer,

Nicht nur allein fürs veste Land, für aller Creaturen Heer,

Für alles fast, was Odem hat, in reicher Fülle sich ergiesset;)

Daß es ein würd’ger Gegenwurf, und Stoff für wahre

Menschen-Seelen,

Um, in den ungezählten Wundern, von noch viel grössern

Wunder-Werken,

Des grossen Schöpfers aller Dinge, zu Seinem Ruhm, viel

zu bemerken,

Viel, voller Ehrfurcht, zu bewundern, und etwas davon zu

erzehlen.

Des Meeres innrer Zustand ist zwar unsern Augen unent-

decket;

Allein, wir können, wenn wir wollen, aus mancherley Er-

fahrung sehen,

Wie es in seinen tiefen Gründen doch ungefehr wol müsse

stehen,

Und wie die hohle Schooß der See voll ungemeiner Wunder

stecket.

Auf! laßt uns in Gedanken denn einst in des Meeres

Abgrund steigen,

Um die daselbst verborgne Werke, Dem, Der sie wirkt, zum

Ruhm, zu zeigen.

So senk ich denn, in GOttes Namen, zu GOttes Ehren,

meinen Geist

Hier in des Meeres dunkle Tiefe. Doch halt! werd ich auch

ohne Grauen,

Was mir des Abgrunds hohler Schlund für einen fremden

Zustand weist,

Die ungeheure Wasser-Last, des Meeres wilde Wunder

schauen?

Hier hangen ausgehöhlte Lasten von Felsen, die den Augen-

blick

Von oben abzustürzen drohn. Ein Meilen lang- und dickes

Stück,

Ja, welches wegen seiner Grösse sich gar nicht übersehen läßt,

Ist öfters gleichsam sonder Stützen, und scheinet offen, gar

nicht vest.

Ja, ja, ich sink! itzt bin ich da. Mein GOtt! was hör und

seh ich hier!

Mich überfällt ein schneller Schauer, ich fühl ein innerliches

Grausen,

Ob ganzer Flüsse Schuß und Sturz, so, in der tiefen Wasser-

Welt,

Von ungemeßner Felsen Höh, hier brüllend durch einander

fällt.

Entsetzlich ist der Strudel Macht, fast unerträglich ist ihr

Brausen;

Der abgerollten schweren Fluhten gepreßt’ und wallende

Gewalt

Reißt durch geborstne Klippen fort mit recht betäubendem

Gebrülle.

An einem andern Ort hingegen ist die gedeckte Tiefe stille,

Und unterscheid’ ich hier und dort, von dem verborgnen Auf-

enthalt,

Der feuchten Gegenwürfe Menge, in dem durchsichtigen

Gewässer,

Den fetten Grund, die rauhen Seiten, der Berge Brüch’ und

Höhlen besser.

Mein GOtt! welch ein verworrnes Wesen, ohn’ Ordnung!

rief ich alsobald.

Wie ist, von diesem Reich der Tiefe, doch die Gestalt so unge-

stalt!

Gespaltner Höhlen dunkle Rachen, gebrochner Berge

blinde Klüfte,

Verworrne bodenlose Schlünde, mit ew’ger Nacht erfüllte

Grüfte,

Unordentliche Felsen-Klumpen! Von Kiesel-bald, bald Mar-

morstein,

Ein wild zu Hauf

groß, bald klein,

Ein dichter bald, bald luckrer Haufen, ein’ ungeheure

Klippen-Last,

Die von der Sonnen nie bestrahlet, ein tief- und schlüpfriger

Morast,

Ein harter Kieß, ein fetter Schlamm, voll widerlicher Kle-

brigkeiten,

Bedecken und formiren theils die ausgenagten schroffen

Seiten

Der gähen aufgerißnen Höhlen, in welchen öfters eine

Schaar

Beschuppter wilder Wasser-Wunder und Ungeheur zu sehen

war,

Die, mit entsetzlichem Getös, wenn sie auf ihre Weise spielten,

Durch ihre Last, Gewalt und Stärke, des Bodens zähen

Grund durchwühlten.

Hier, deucht mich, hör ich dich, mein Leser, mir einen

starken Einwurf machen:

“da ein so wild verworrnes Wesen, ohn’ alle Ordnung,

überall,

„fast in dem größten Theil der Welt, und den daselbst

vorhandnen Sachen,

„daß man darob erschrickt, regiert; so scheints, daß mehr

durch einen Fall,

„als durch ein weises Ueberlegen, der größte Theil der Welt

entstanden,

„da nichts, als Finsterniß und Schrecken, im größten Theil

der Welt, vorhanden.

Allein, du übereilest dich, und wirst vielmehr, mit mir,

gestehen,

Wenn du den unterirdschen Zustand, mit mehr Erwegen,

angesehen,

Daß das, so uns unordentlich, verwirrt und fast erschrecklich

scheinet,

Doch größre Weisheit mehrer Ordnung und Absicht zeigt,

als wie man meynet.

Sprich selber, wenn die düstre Tiefe der Abgründ’ in dem

weiten Meer,

Mit vieler Ordnung ausgezieret, nach Maaß und Kunst

gebauet wär;

Für wen sollt’ alle Ordnung seyn, für wen ein Regel-recht

Gebäude?

Auch selbst Eugenii Pallast würd’ einem Wallfisch wenig

Freude,

Die schönste Kirch’ in Rom und Londen würd’ Hayen, Wall-

roß, Wasser-Drachen,

Wenn sie sie gleich bewohnen sollten, gewiß kein groß Ver-

gnügen machen.

Weil nun den Bürgern dunkler Tiefen, ohn’ Einsicht,

sonder Geist und Witz,

Kein’ Ordnung, keine Maaß und Regel, Pracht, Herrlichkeit

und Bau-Kunst nütz;

So findet sich auch nichts dergleichen: daher, auch selbst im

Mangel, man

Hier eines weisen Schöpfers Finger verspüren und verehren

kann:

Da uns hingegen, weil dem Geist, für Ordnung, Maaß und

Symmetrie,

Für Licht, für Zierlichkeit und Schönheit, auch für der

Farben Harmonie,

Bewunderns-wehrte Fähigkeiten, von unserm Schöpfer,

eingesenkt,

Auf unsrer Welt, dergleichen Vorwürf’, in solcher Menge,

sind geschenkt.

Zudem sind in der Wasser-Welt, und in des Meeres tiefen

Gründen,

Die Spuren Seiner weisen Allmacht, auf andre Weise, gnug

zu finden.

Die schönen Bildungen der Fische, der Schmuck von

Millionen Schnecken,

Die Pracht so vieler Meer-Gewächse, die wir im tiefen Meer

entdecken,

Wo so viel platt-belaubte Büsche, wo ganze Wälder von

Corallen,

Wo solch ein reicher Schatz von Perlen, die, an Figur und

Farben, schön,

Zusammt den bunten Perlenmüttern, wo rein’ und klare

Berg-Krystallen,

Wo Millionen Creaturen, die alle zierlich sind, zu sehn;

Die alle können unserm Geist, wenn wir auch in die Tiefe

steigen,

Auch dorten eine Weisheit, Allmacht und Liebe, kurz, den

Schöpfer, zeigen.

Der Boden, wie er auf der Fläche, der trocknen Erde,

mancher Art;

So ist er gleichfalls unterm Wasser, weich, steinigt, sandigt,

fruchtbar, hart:

Daher an vielen Orten nichts, an vielen Orten, wie auf

Erden,

Auch mancherley Gewächs und Kräuter erzeugt und

angetroffen werden.

Ja, wie wir auf der Oberwelt bald Berge, Thäler, Tief’ und

Höh'n,

Bald ebne Felder, Klippen, Flächen, bald höckerigte Stellen

sehn;

So sind dergleichen Gegenden auch in des Meeres tiefen

Gründen,

Nebst Höhlen, Grüften, Brüch- und Klüften, weit mehr, als

hier genannt, zu finden.

Dieß wäre denn, was von den Wundern, die in des Mee-

res Tiefen stecken,

Mein Geist, mein ganz erstaunter Geist, geschickt gewesen zu

entdecken.

Nunmehro scheinet Blick und Geist ermüdet. Ich kann, ohne

Grauen,

Das dunkle Reich der Meeres-Tiefe, fast ganz erstarrt, nicht

ferner schauen.

Es schwinget sich denn, aus dem Abgrund, itzt mein betäubter

Geist empor,

Und steiget, durch die dunkle Last der Fluhten, an das Licht

hervor.

Jtzt schau ich, weil ich mich, vom Meer, noch nicht entfernen

kann noch muß,

Auch seiner Oberfläch

Gewalt;

Denn auch, wenn Luft und

liche Gestalt;

Und endlich seiner

fluß,

Mit Loben und Bewundern an. O grosser Schöpfer!

laß mein Lallen

Von Dir, in Deinen Wunderwerken, wie schlecht es

gleich, Dir doch gefallen!