Betrachtung funffzig-jährigen Lebens-Lauffs

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Mit Weinen legt ich hin das erste Lebens-Jahr

Doch wohl mir daß ich da von Sünden freyer war!

Sie wuchsen mit mir groß. O Gott dein lieber Sohn

Das süsse Gnaden-Kind befreye mich davon!

Zwey Jahre zehlt ich nun und lernte für mich gehn

Doch kan ich izt noch nicht auff sicherm Fusse stehn.

Herr laß mich deine Hand als wie die Jugend leiten

So bleibt mein Gang gewiß den Himmel zu beschreiten!

Ich tratt ins dritte Jahr und brauchte meinen Mund

Wiewohl ich noch den Brauch der Worte schlecht verstund.

Wie manch vergeblich Wort schleicht noch wohl täglich ein.

Gott laß die Rechenschafft dafür erloschen seyn!

Als ich das vierdte Jahr des Lebens angeschaut

Bedeckte Brand und Wust der Blattern meine Haut

Viel Blattern seither dem benarben mein Gewissen:

Ach Höchster sey du sie zu heilen selbst beflissen.

Ich muste Vaters Treu im fünfften Jahr entrathen

Sah Hauß und Hoff und mich bey nah im Feuer braten.

Gott trat an Vaters Stell und seine Wunder-Treu

Ob ich ein freches Kind ist mir noch täglich neu!

Ich fieng mein A B Ab mit Gott sechsjährig an

Und baut auff diesen Grund was ich noch heute kan:

Doch bin ich erst alsdenn gelehrt und klug zu nennen

Wenn ich das A und O im Himmel werde kennen.

Ich lernte nun den Kiel der leichten Feder führen

Ließ gleiche Flüchtigkeit in meinen Sinnen spüren.

Wenn ich wie Nero sich gewünscht niemahls geschrieben

So wäre manches Böß auch manches Gutte blieben.

Ich gieng ins achte Jahr und schritte zum Latein

Man flößte mir den Grund des wahren Glaubens ein;

Diß ist die beste Kunst wer Gott und sich wohl kennt

Wohl dem der seine Zeit auff diß am meisten wendt!

Neun Jahre rückten an daß ich hierbey nahm zu

An Alter und Verstand o Gott verliehest du:

Gieb daß ich nicht bey dir mit Neunen geh vorbey

Vielmehr in Lob und Danck der Zehnde Reine sey.

Der erste Kreiß der Zeit und Alter trat zurücke

Ich reiß das schwache Paar der Kinder-Schuh in Stücke.

Doch weiß ich daß ich selbst durch Beyspiel zeigen kan

Dem Knaben klebe noch manch Thorheits-Fehler an!

Es wird der zehnden Zahl noch eines beygesezt

Ach daß man doch die Zeit nicht recht nach Würden schäzt

Herr geh ich um eilff Uhr in deinen Berg erst ein

Laß mich vom Gnaden-Lohn nicht ausgeschlossen seyn.

Als Jesus war zwölff Jahr so sah ihn Solyms Stadt

Wie er das Gottes-Hauß und Heiligthum betratt

Ich nahm um diese Zeit das Brod des Lebens ein

Gott laß mir solche Kost zum Himmel angedeyhn.

Ein Monat war hinweg von zwölff zu dreyzehn Jahren

Der treuen Mutter Tod muß ich bestürzt erfahren

Ihr Beten war mein Schatz ihr Segen war mein Theil

Ich wünsche mir was sie geneust der Seelen Heyl.

Wie gehn die Monden hin mit so geschwinder Flucht

Mein Knaben-Alter kam aus stiller Kinderzucht.

Der Jugend zartes Wachs nimmt Gutt und Böses an

Ach hätt ich dieses nicht und jenes nur gethan!

Zwey Dinge sind die sich gar selten reimen künnen

Die strengen Zehn Gebot und Freyheit der fünff Sinnen

Daß bey der Jugend diß wie bey dem Alter war

Lehrt mich izt fünffmahl zehn vor zehnd und fünfftes Jahr.

Ich rechne meine Zeit mit acht und aber achten

Mein Sinn und Sorgen ist nach Wissenschafften trachten.

Wohl dem der so bedacht die Jugend angewehrt

Daß ihn des Richters Spruch nicht in die Acht erklärt.

Die Jahre lauffen fort nach zehnen zehl ich sieben

Als ich zum andern mahl bin Vater-Wäise blieben.

Mein Pflege-Vater stirbt doch nimmt sich meiner an

Und unterhält mich noch der nimmer sterben kan.

Das dreymahl sechste Jahr weicht meistens hinter sich

Als ich Piastens Stadt sechsjährger Gast entwich

Hab ich an Witz und Kunst alldar was zugenommen

So ist die Frucht darvon zu ihrer Wurtzel kommen.

Nun schwing' ich in die Welt als Icarus die Flügel

Der Jugend Unbedacht regirt die freyen Zügel

Doch ists zuweilen gutt wenn solche kurtz geschnitten

So wird der Tugend-Weg viel minder überschritten.

Mich hegt ins andre Jahr der Musen Silber-Stadt

Die izt der strenge Mars mit Stahl gefesselt hat

Diß und mein eigen Bild lehrt mich nunmehr erkennen

Daß nichts auff dieser Welt beständig sey zu nennen.

Der damahls freye Rhein schickt mich auff engen Nachen

Wo für des Landes Heyl gepichte Schlösser wachen:

Führt mich ein grosses Schiff trägt mich ein kleiner Kahn

Es gilt mir beydes gleich länd' ich nur sicher an.

Das freye Niederland durchs Land der engen Hosen

Gewährt mich in das Reich der herrschenden Frantzosen.

Von dar ich kurtze Zeit den Welschen sprechen muß

Viel sehn und über nichts sich wundern ist mein Schluß.

Ich lange wieder heim nach dreyen Reise-Jahren

Und soll nun legen aus was ich gebracht an Wahren

Viel Eiteles gesehn viel Thörichtes gedacht

Den Leib und Geist bemüht den Beutel leer gemacht.

Es soll die Lebens-Art izt gantz geändert seyn

Gott will mich in das Joch der Wirthschafft spannen ein

Was meinen Eltern hat entzogen Krieg und Brand

Gewährt mir seine Gunst durch fremde Mutter-Hand.

Ich habe nun zu Freud und Leyd Gesellschafft funden

Und leb' aus Gottes Rath mit treuer Hand verbunden.

Erhalt die reine Glutt Gott die du angebrennt

Und laß uns dort wie hier verbleiben ungetrennt.

Zwey Brüder werden mir nicht hochbejahrt zu Leichen

Mir selber mehren sich die Ungesundheits-Zeichen:

So wechseln Freud und Leyd bey gutt und bösen Tagen

Doch hilfft auch Gottes Gunst viel Creutze selber tragen.

Wie der der ob uns wacht für Schaden kan bewahren

Hab ich diß Jahr drey mahl in naher Glutt erfahren.

Du Hütter Israels bleib unser Schutz und Schild

Der bleibet unverlezt den du bedecken wilt.

Die Kinder keuscher Eh' sind wohl der Augen Lust

Doch wird auch offt um sie bekränckt der Eltern Brust

Ich stell in Gottes Hand ihr Leben und ihr Sterben

Nur daß sie allesamt nebst uns den Himmel erben.

Das Feld bringt sparsam Frucht wiewohl wir mühsam säen

Und zeigt den Fluch der drauff nach erster Schuld geschehen:

Wir streun auch leider! selbst viel Sünden-Disteln aus

Was Wunder wenn uns denn der Mangel kömmt ins Hauß.

Piastens Enckel stirbt dem wir gehuldigt haben

Die Freyheit Schlesiens wird neben ihm begraben

Ob seinem Tod erseuffzt manch treuer Unterthan

Der was noch künfftig sey von weitem sehen kan.

Es heist mich Gottes Ruff aus meinem Winckel gehn

Ich soll mich für das Land zu sorgen unterstehn

Wie wenig richt offt aus der allerbeste Fleiß

Wie ruhig ist wer nichts von solchen Sorgen weiß?

Mir wachsen nun Verdruß und Kummer unter Händen

Die Welt-Lust will mir auch die schwachen Augen blenden

Was ist diß Erden-Rund? Voll Unlust und voll Wust

Im Himmel ist allein zu suchen wahre Lust.

Wir haben schlimme Zeit ist die gemeine Klage

Doch schmiedet ihm der Mensch nur selber seine Plage;

Ist Zeit und Nahrung schlecht wo wir nicht besser werden

So findet sich gewiß nicht Besserung auff Erden!

Ich ließ mich weiter ein in Wirthschafft und Geschäffte

Besegne Gott mein Thun und mehre meine Kräffte

Wir bauen ohne dich nur Häuser in den Sand

Und schreiben was nicht taugt wo du nicht führst die Hand.

Ich gebe den Bescheid wer von mir wissen will

Was treu und redlich sey: Der Boßheit Spiel und Ziel

Doch wenn beschämtes Falsch sein eigen Gifft muß saugen

Geht jenes iederman auffrichtig unter Augen.

Die treue Schwester und der wohlgerathne Schwager

Begrüssen fast zugleich das schwartze Todten-Lager

Mich schmerzt daß beyder Fall in Monats Frist geschehn

Gedult! Auff einmahl folgt ein freudigs Wiedersehn.

Neyd tobe wie du wilt wenn ich nicht heucheln kan

Diß geht wohl für der Welt doch dort für Gott nicht an

Es ist der beste Ruhm auff kurtzer Grab-Schrifft lesen:

Der ist im Vaterland ein ehrlich Mann gewesen.

Ich ließ mich für das Land berufft nach Hofe brauchen

Und sah' unfern von Wien der Tartarn Feuer rauchen

Gott riß mich aus Gefahr auch aus des Todes Schoß

Den ich zu Hause bald gefunden hätte loß.

Man hieß mich noch einmahl an Donau-Strom verreisen

Dem grossen Leopold den Landes-Kummer weisen

Ist was gerichtet aus so hat es Gott gethan:

Was ist es daß der Mensch durch seine Klugheit kan.

Des treuen Schwähers Gunst der mich als Sohn geliebt

Die mir der Tod entzeucht macht mich als Sohn betrübt.

So fallen nach und nach gemeiner Wohlfart Mauren

Ich habe für das Land und auch für mich zu trauren.

Die lezte Schwester stirbt ich halte noch allein

Hier Hauß so lang' es wird des Höchsten Wille seyn

Ich bin zum lezten auch in dieses Leben kommen

Gott hat uns mehrentheils der Reyhe nach genommen.

Gott segnet Hauß und Hoff man neydet mein Gelücke

Weiß aber nicht dabey wo mich der Schuh hindrücke

Daß wir der Eitelkeit zu viel nicht räumen ein

Muß stets ein spitzer Dorn mit eingemischet seyn.

Uns drückt der schwere Krieg im Beutel nicht im Lande

Und dennoch schickt man sich so schlecht zu solchem Stande

Man bauet kaufft und prahlt: Gott gebe daß uns nicht

Zulezt bey vollem Maß als andern auch geschicht.

Die Sorgen nehmen zu die Kräffte lassen nach

Es fühlet Leib und Geist manch stilles Ungemach

Diß ist des Höchsten Zug so will uns Gott bey Zeiten

Vom Irrdschen abgewehnt zur Himmelfahrt bereiten.

Man führet Sorg' und Fleiß das Seine wohl zu nützen

Weiß aber doch nicht wer und wie ers wird besitzen;

Das beste Sorgen ist um das zu seyn bemüht

Was uns kein Räuber stielt und keine Zeit entzieht.

Die Tochter wird verlobt: Gott Stiffter keuscher Ehen

Verknüpffe dieses Band mit selgem Wohlergehen

Dir selber ist bewust daß ich auff keine Pracht

Noch Schätze dieser Welt wie izt der Brauch gedacht.

Wohin bringt unser Land die überhäuffte Steuer?

Zu trucknem Saltz und Brod: Doch ist auch diß zu theuer.

Bey seiner Kleyhen-Brüh ist der am besten dran

Der sich noch mit Gedult und Hoffnung speisen kan.

Das alte Sprüchwort ist: Das Land ernährt die Städte

Wenn izt der Städte Geld nicht was zum Besten thäte

So würd erlegnes Land noch sich noch jen' ernähren

Ach woll uns Fried und Brod der treue Gott bescheren.

Es will sich allgemach zur Jahre Neige neigen

Ich muß mit schwerem Tritt auff neun und viertzig steigen

Ein doppelt Stuffen-Jahr wird unbeglückt geacht

Doch mehr die viele Schuld die wir bey Gott gemacht.

Man stehet in der Welt nach Wind nach Rauch und Dunst

Verschertzet offt dabey des grösten Herren Gunst:

Laß sich die stoltze Welt um Reich und Stelle schmeissen

Der beste Titul ist von Gottes Gnaden heissen.

Die Helfft' ist hinterlegt mit Gott von hundert Jahren

Gott laß mich Gnad und Schutz auch dieses Jahr erfahren

Ach nimm weil ich dir izt nichts Bessers geben kan

Gereinigt durch dein Blutt des Alters Häfen an.

Vermögen-Steuer hat Vermögen abgezogen

Vermögen ist im Rauch und Feuer auffgeflogen

Gieb Höchster daß ich recht in gutt und bösen Tag

Den deine Hand mir schickt zu schicken mich vermag.

Die Jahre zähl ich nun nach Zahl der Jahres-Wochen

Wie aber zähl ich diß was ich an Gott verbrochen?

HERR rechne nicht mit mir gieb daß mir ieder Tag

Zur Buß und Todes-Stund ein Wecker werden mag!