Betrachtung über das Urtheilen der Menschen von andern/ nach Anleitung des Kempi...

By Christian Friedrich Hunold

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Dein Auge wend' auf dich ich mein' auf deine Sünden

Auf deine Schwachheit selbst und was an dir zu finden.

Erklär' in bösen nicht diß was dein Nechster thut

Schau nicht ob andre schlimm nein ob du selber gut.

Die Mühe bleibt umsonst in solchen Urtheil fällen

Man irrt und kan sich offt was falsch vor Augen stellen.

Und deßen Zunge stets ein kühnes Urtheil spricht

Den stellt sein böses Hertz vor Gottes Zorn-Gericht.

Erbaulich aber ist sich selber anzusehen

In Demuht in sein Hertz sein eigen Hertz zugehen.

Zuschauen was uns fehlt welch Laster uns gemein.

Sein eigner Kenner erst denn Richter auch zu seyn.

Woher mag aber doch ein schlimmes Urtheil rühren?

Aus Liebe denn ich möcht ihn gern zum guten führen

So spricht des Tadlers Mund; doch fühlt sein Hertz hierbey

Wie kalt die Lieb' in ihm wie heiß die Feindschafft sey.

Wie daß man andere unordentlich will nennen

Da Sinnen und Gemüht die Ordnung selbst nicht kennen?

Mit einem Krancken komt ein Neider überein

Dort ist der Leib zuschwach hier der Verstand zu klein.

Wenn unsre Meinung gut und nur auf Gott gerichtet

Wenn man so himmlisch ist daß man sich selbst zernichtet

Die weil man Erd und Staub so wird man nicht so leicht

Bey fremder Tadelsucht vom Brand des Zorns erreicht.

Allein so sind wir nicht und andere desgleichen.

Die Neigung die sich muß in unsre Hertzen schleichen

Ein Gegenstand so uns von außen an sich zieht

Das ist der Grund aus dem man jedes Urtheil sieht.

Die meisten meinen zwar sie kennten ihr Gewißen

Daß sie kein eintzigmahl zu prüfen sich beflißen.

Sie dencken: sind wir nur in allem wohl beglückt

So sey der Seelen Fried in ihre Brust gerückt

Allein wenn Sturm entsteht wenn die Verdrießlichkeiten

Die ein Gerücht erweckt zu ihren Ohren schreiten

So dringt ein jedes Wort das ihren Ruhm verletzt

Ins Hertz als wär es da in Marmor eingeätzt.

Inzwischen aber wird nur andern bey gemeßen

Daß sie unruhig sind daß sie der Haß beseßen.

Ihr Seelen-Friede spricht nicht eher wieder ein

Biß welch Gewißen doch sie vorgerochen seyn.

Ach Herr wer hat die Schuld wenn uns die Unruh plaget?

Nur der Begierden Macht die unsre Hertzen naget.

Glückseelig welcher nicht nach seinem Willen thut;

Und deßen wohl in Gott und keinem Menschen ruht.

Wer lange Zeit gewohnt nach seinem Sinn zu leben;

Der findet viele Müh ihm recht zu wiederstreben;

Wer wieder Willen soll auf andern Wegen gehn

Der läßet viel Verdruß bey seiner Leitung sehn.

Ein Himmlisch Feuer soll die kalten Hertzen nehren.

Herr deine Flamme muß die Eigen-Lust verzehren.

Es hebt uns deine Hand sind wir dir unterthan

Weit über die Vernunfft weit über allen Wahn.