Betrachtung über die Schönheit der Blumen.

By Barthold Heinrich Brockes

Indem ich hier vergnügt im Garten gehe,

Und bey so mancher Art gefärbter Blumen stehe,

Fällt mir, da mein Gemüth von ihrem Glantz und Schein

Gantz eingenommen wird, bey ihrem Schimmer ein:

Man sieht, durch der Natur Geheimniß-reiche Kraft,

Gewachs’nen Atlas hier, und dort gewachs’nen Taft,

Gefärbten Damast dort, Sammt, Moor, Brocad, Satin,

Nebst silbernen und güldnen Stücken

Voll Rancken-Werck, bald roth, bald grün,

Bald blau, bald incarnat, des Gartens Fluren schmücken.

Bewundre doch, geliebter Mensch, wie glatt,

Wie bunt, wie gläntzend jedes Blatt!

Erwege doch der schönen Creaturen

Bewunderns-wehrte Pracht und zierliche Figuren!

Hat jemand auf der Welt gelebet,

Der solch ein künstliches Gewebe je gewebet,

In welchem, ob sie noch so schön

Kein Faden, kein Gewirck zu sehn?

Erwege doch in ihrer Pracht

Die Liebe, Weisheit und die Macht

Des Wesens, welches sie aus Nichts hervorgebracht,

Nicht nur so wunderschön formirt,

Sie so an Farb’ als an Figur geziert,

Roch mehr, so mancherley Figur in sie gesencket

Und uns, zu dem Genuß, des Riechens Kraft geschencket!

Auf denn mein Geist! du must von GOttes Wercken

Die Pracht auf andre Weis’, als wie das Vieh, bemercken!

Wir können uns zu GOtt durch nichts so sehr erheben,

Als wenn, in seinem Werck, wir uns mit Lust bestreben,

Auf seine Weisheit, Lieb’ und seine Macht zu achten,

Und in der Creatur, die blos dazu erlesen,

Daß sie uns zeigen soll sein sonst verborgnes Wesen,

Mit Ehrfurcht, Lieb’ und Lust den Schöpfer zu betrachten.

Mir fiel hierüber ein, was ich hievon geschrieben,

Und welches mir noch im Gedächtniß blieben:

Kann sie sich selbst so zierlich bilden?

Kann sie der holden Blätter Pracht

Aus eigner Macht

Hier schön versilbern, da vergülden?

Kann sie von ungefehr wie Demant und Carbunckeln

In buntem Feuer glühn? so lieb-als herrlich funckeln?

Ich sencke mich durch deine Wunder in dich, allmäch-

Und spür’ in ihnen von der GOttheit den sicht- und un-

Durch sie, als einen schönen Nebel, seh’ ich das Licht der

Ich höre sie, in sanfter Sprache, von dessen Eigenschaften

Aus dem, als einer Meeres-Tieffe, die Eigenschaften alle

Die Erde, Wasser, Mond und Sonnen, ja aller Him-

Ein’ jede sagt:

In allen liebreich, weis' und mächtig; Ich zeig ihn dir, ich zeig ihn dir!