Betrachtungen über das Gewissen. Bey der Gelegenheit der Fabel von der Sirene im...
Da es mehr nun als zu wahr, daß die Dinge die- ser Welt,
Wie gesagt, zwo Seiten haben, und daß wir sie mei-
Nach dem Zustand unsers Wesens, da die Liebe plötz-
Und uns die genossne Schönheit wiedrig deucht, und
Minder, durch des Vorwurfs Schuld, welcher ja der-
Als durch Abnahm’ unsers Feuers, das vorher in Adern
Ist es eine grosse Frag’, ob, was uns zur Reue treibet,
Und was insgemein Gewissen von dem Menschen wird
Dieses nicht zur Ursach habe? folglich ob’s so fürchter-
Als man es sonst glaubet, sey? ob mans nicht mit Un-
So verdammend vorgestellt? ob vielmehr nicht eigent-
Durch des Cörpers Aenderung, oder durch empfundnes
Ueber die gehofte Lust, die Gedancken uns verwirren,
Und wir durch ein eingebildet, irrig so genannt Gewis-
Uns nicht, mehr als nöhtig wäre, fürchten und uns
Eben unsers Cörpers Zustand, da sich nemlich in der
Nach genossner Lust, so bald alle vormahls heisse Triebe
In dem Augenblick verändern, da ein Eckel schnell ent-
Und, im schnell-verbrannten Feuer, alle Lust nicht nur
Sondern, wie uns in der Bibel Ammons Beyspiel
Sich in bittern Wiederwillen, ja in Haß und Reu ver-
Dieses, sag ich dir, entstehet warlich nicht von unge-
Stammt aus keinem blinden Zufall, sondern einer
Die nicht gnugsahm zu bewundern. Wär’ es anders;
Sich gewiß von allem Feuer, das man nicht entbehren
Sonder Zweifel, gantz erschöpfen. Schaut, wie man
Daß nicht minder das Gewissen, als das Göttliche Ver-
In der Wollust auszuschweiffen, sey in der Natur ge-
Folglich nicht zu übertreten, ja daß beides sich so gar
Selbst mit unserer Erhaltung, Wolseyn und Gesund-
Welches wenn man es erweget unbegreiflich, wunder-