Betrachtungen über die erste Schönheit der Bäume im Frühling.

By Barthold Heinrich Brockes

So bald die Knospen erst sich von einander geben,

Worüber sich ein Aug’ in Hofnung schon erfreut,

So scheint der gantze Baum, mit zartem Grün bestreut,

Als wenn um jeden Ast viel grüne Puncte schweben.

Viel tausend kleine grüne Tüpfel

Bedecken überall den Wipfel.

Wenn nun der Sonnen heller Strahl

Jhr zärtliches Gespinste manches mahl

Bestrahlet und durchdringt; sollt einer öfters meinen,

Daß überall im Baum gelb grüne Funcken scheinen.

Wenn sich die Blätter nun vergrössern und verbreiten,

Vermehren und vergrössern sich

Derselben grüne Lieblichkeiten!

Indem ein grüner Dunst, den man mit Anmuht sieht,

Sich um den gantzen Baum so dann gemählig zieht.

Durch den nicht gäntzlichen Zusammenhang der Blätter

Kommt jeder Vorwurf uns so dann nicht anders vor

Als säh man ihn durch einen grünen Flor;

Das uns denn, sonderlich bey heiterm Wetter,

Von unten auf den himmlischen Sapphier,

Von oben ab der Erden grüne Zier

Annoch verschönert weiset;

So daß wer es, mit achtsamen Gemüth

Und einiger Erwegung, sieht,

In seiner Augen Lust, mit Recht, den Schöpfer preiset,

Der uns zu unsrer Lust, die Welt so lieblich schmückt,