Bewährtes Mittel für die Augen.

By Barthold Heinrich Brockes

Wenn wir in einer schönen Landschaft, mit Anmuht

rings umgeben, stehn,

Und, durch die Creatur gerühret, aufmerksamer, als sonst

geschehn,

Den Schmuck derselben zu betrachten und eigentlicher ein-

zusehn,

Noch einst vernünft’ge Triebe fühlen; so finden wir, daß

unsre Augen

(durch die Gewohnheit fast verblendet, und gleichsam

ungeschickt gemacht)

Der Vorwürf’ Anzahl, Zierlichkeit, der Farben Harmonie

und Pracht,

Indem sie sich zu sehr vertheilen, nicht ordentlich zu sehen

taugen.

Es scheint, als ob sich die Gedanken, so wie der Augen

Strahl, zerstreuen,

Und daß dieß der betrübte Grund, wodurch wir uns der

Welt nicht freuen,

Noch GOtt, in Seiner Creatur, mit mehrerm Eifer, ehren

können.

Wir lassen, mit dem hellen Licht, in unsre sehende Kry-

stallen

Zu viele Vorwürf’ auf einmahl, und zwar von allen

Seiten, fallen.

Anstatt daß unsere Vernunft, zu einer Einheit sie zu

ziehn,

Sie nach einander zu betrachten, sie zu bewundern, sich

bemühn,

Und sich daran vergnügen sollte; so springet, recht wie

Licht und Blick

Von allen plötzlich rückwerts springet, auch ebenfalls der

Geist zurück,

Ohn’ in der Cörper Schmuck und Ordnung, wie es doch

nöhtig, einzudringen,

Ohn’ in uns Lust, Erkenntlichkeit und Dank aus uns

herauszubringen.

Der Unlust und des Undanks Quell’, den wahren Unglücks-

Brunnen nun

Zu stopfen, und, nach Menschen-Art zu sehen, etwas doch

zu thun,

Und uns zum Sehn geschickt zu machen; raht ich ein Mittel

anzuwenden,

Das, wie ich neulich auf dem Felde spatzieren ging, von unge-

fehr,

Bey den Betrachtungen, mir beyfiel, und das, zu brauchen,

gar nicht schwehr.

Es hat ein jeder von uns allen dieß Mittel selber in den

Händen.

Man darf, wofern man es gebraucht, inskünftige nicht

ferner klagen:

Ich weiß nicht was ich sehen soll, das Feld ist gelb, die

Luft ist blau,

Der Wald ist licht- und dunkel- grün, und dieß ist alles, was

ich schau.

Jhr seyd, durch meinen schlechten Vorschlag, gewiß geschick-

ter GOtt zu preisen.

In einem flachen offnen Felde, in welchem ihr spatzieren

geht,

Und, durch der Vorwürf’ Anzahl, nichts, als etwan Feld

und Himmel, seht,

Will ich euch, in verschiedner Schönheit, statt einer Land-

schaft, tausend weisen.

Man darf nur bloß von unsern Händen die eine Hand

zusammenfalten,

Und sie vors Auge, in der Form von einem Perspective,

halten;

So wird sich, durch die kleine Oeffnung, von den dadurch

gesehnen Sachen

Ein Theil der allgemeinen Landschaft zu einer eignen

Landschaft machen,

Von welcher, wenn man mahlen könnte, ein’ eigne nette

Schilderey

Zu zeichnen und zu mahlen wäre. Man darf sie nur ein

wenig drehen;

So wird man alsbald eine neue, von ganz verschiedner

Schönheit, sehen.

Was nun die Ursach’, daß die Schönheit für uns so sehr

vervielfacht sey,

Läßt sich ganz eigentlich erklären: Zu viele Vorwürf’ in die

Augen,

Die wir, durch gar zu grosse Menge, nicht recht zu unter-

scheiden taugen,

Sind abgehalten, und die Strahlen, die in die spiegelnde

Krystallen,

Mit den Figuren ihrer Cörper, an des Gesichtes Nerven

fallen,

Sind nicht nur dadurch deutlicher, daß unser Geist sie schär-

fer merkt;

Der kleine, durch die hohle Hand, formierte kleine Schatte

stärkt,

Durch sanfte Dunkelheit, das Auge, und folglich ist der

Geist geschickt,

Mit größrer Achtsamkeit, auf Dinge, die einzeln, schärfer

sich zu lenken,

Und die darinn vorhandne Schönheit, mit mehrerm Nach-

druck, zu bedenken.

Zumahlen es unwidersprechlich, und eine feste Wahrheit

bleibet

Das, was der Britten grosse Newton uns von dem Sinn

der Augen schreibet,

Sey vielen Menschen noch verborgen, so wie es vormahls

auch gewesen:

Es sey das Sehen eine Kunst, sowohl als Schreiben,

oder Lesen,

Wozu wir den Verstand sowohl, als wie zu allen andern

Schlüssen,

Ja öfters andre Sinnen mehr, um recht zu sehn, gebrau-

chen müssen.

Ach, daß wir uns denn dieses Mittels, um, wie die Crea-

tur so schön,

Zu GOttes Ruhm, und unsrer Lust, mit mehr Bedacht-

samkeit zu sehn,

Und ihren Schmuck zu unterscheiden, zuweilen doch gebrau-

chen mögten,

Damit wir öfters, wie bisher:

Werke! dächten!