Bey der zu Jena dem Herrn M. L. Weis- senborn conferir ten Adjunctur. E. G.
Jhr, die ihr in der welt mit weißheits-tituln prangt,
Und durch gelehrsamkeit auch bey der nach-welt lebet;
Habt den gepriesnen ruhm zwar mit verdienst erlangt:
Daß ihr den sterblichen geschickte segeln gebet;
Allein erzörnt euch nicht! Man muß es doch gestehn:
Es kan ein sprüchwort offt zehn büchern gleiche gehn;
Und wenn hat wohl ein spruch von euch so eingetroffen,
Als dieser: Daß die welt in meinungen ersoffen.
Wer bey der sonne nicht mit eulen-augen sieht,
Kan dieser wörter krafft auch von sich selbst erkennen;
Wem aber eigensinn der sinnen licht entzieht,
Dem würde man umsonst geborgte fackeln brennen.
Indeß will ja jemand die wahrheit klärer sehn,
Und denckt, man wolle nur die welt vergebens schmähn:
Der kan zum überfluß auf viel gelehrte schauen,
Die thürm und schlösser offt auf wahn und meinung bauen.
Jtzt langt die dinte nicht, es fehlt papier und zeit,
Das alte wespen-nest der meinungen zu stören:
Wenn deun’ des himmels-glantz kohl-schwartze flocken schneyt:
Und andre affen gern die gänse reden hören:
Ja wenn Democritus bey leid und trauren lacht:
Leucipp der erden ball zu einer trommel macht:
Wenn der Cleanthes sie will statt der kegel brauchen:
Und andre sich den kopff in nasse lusst eintauchen.
Diß alles hat bereits das alterthum verdeckt;
Allein man darff nicht erst in jene zeiten lauffen,
Weil man zu unsrer zeit auch grillen ausgeheckt.
Man kan pedanterie noch aller orten kauffen.
Wie wird die stirne nicht in falten eingelegt,
Wenn ein ertichtes bild auf das gehirne schlägt:
Es strotzt der weißheits-sack, und zieht den kopff zur erden,
Als wolte mancher noch zum karrn-gespane werden.
Darbey hefft man den mund mit hundert klammern an,
Wie die beschwerer thun, wann sie die geister bannen;
Kommt aber eine zeit, da man nicht schweigen kan,
So möchte man ein pferd vor jede silbe spannen.
Wer fällt nunmehr mit mir nicht auch der meinung bey?
Daß der Pythagoras noch nicht gestorben sey.
Ja wenn gelehrte sich vor aller welt verschliessen:
So wird Diogeues auch wohl noch leben müssen.
Was bildet mancher sich nicht auf den mantel ein!
Bald will der kragen sich nicht auf die schulter schmiegen:
Bald fehlet sonsten was: Da muß man ernsthafft seyn,
Als hätte man bereits den freyheits-brief zum lügen:
Dabey wird auch der bart so trotzig aufgesteckt,
Als hätten fledermäuß’ und ratzen da geheckt.
Wenn sich gelehrte nun so wunderlich gebärden,
Was wunder? daß sie denn auch zu pedanten werden.
Allein gemach! gemach! man glaubt es doch wohl nicht;
Die welt ist ja nicht gantz in meinungen ersoffen,
Und die gelehrten sind nicht stets so zugericht;
Sie werden dann und wann wohl klüger angetroffen.
Geehrter Weissenborn! dein weißheits-brunn quillt klar,
Und stellt dein ebenbild gewiß gantz anders dar;
Drum wirst du unbeschwert uns dein exempel gönnen,
Damit wir diesen schimpff recht widerlegen können.
Jhr spötter! die ihr gifft aus honig-blumen zieht,
Jhr werdet hier vor euch nichts zu beschmeissen finden;
Hier ist gelehrsamkeit mit grillen nicht bemüht:
Es läst der muntre geist sich keine meinung binden:
Das, was der redner kern in mund und schrifften weist:
Das ists, was seinen ruhm schon fernen örtern preißt.
Ja von den Musen selbst hat man den spruch vernommen:
Gelehrt, beredt und klug ist hier zusammen kommen.
Diß alles hat der schluß derjenigen bedacht,
Die hier mit grund und krafft den bau der weißheit stützen:
Der deiner klarheit schein noch mehr aus licht gebracht,
Nachdem er dich itzt heist an ihre seite sitzen.
Wie aber dieses nur der erste anblick ist,
Mit welchem dich das glück in unserm Jena grüßt;
So schreibt der freunde wunsch mit frölichen gebärden:
Dein schönes ebenbild muß noch bekannter werden.