Beym Anblick einer schönen Leucoje.

By Barthold Heinrich Brockes

Sey willkommen, liebste Blume,

Die du, deinem Herrn zum Ruhme,

Lieblich riechst, und zierlich blühest;

Die du, durch der Farben Pracht,

Den, der alle Dinge macht,

Fast zu zeigen dich bemühest;

Ja, die du in bunten Schätzen,

Wenn wir uns daran ergetzen,

Unsre Seelen zu ihm ziehest.

Denn ist in so vielen Wercken,

Die so herrlich und so schön,

Keine Weisheit zu bemercken?

Keine GOttes-Kraft zu sehn?

Was um schöne Blumen schwebet

Und sich stets daraus erhebet

Wär und blieb’ uns unbekannt;

Wenn sich nicht der holde Duft,

Durch das Dehnen unsrer Lungen,

Von dem schnellen Druck der Luft

In das Trichter-Paar gedrungen,

Das wir in der Nasen sehn

Wunderbar formiret stehn;

Wo sich in den beyden Gängen

Die sich zu dem Zweck verengen,

Die vorhin zertheilte Kraft

Neu-vereinigt sucht zu drengen,

Wodurch denn der trockne Saft,

Wenn er, dergestalt gepreßt,

Stärcker sich empfinden läßt

Von dem Nervgen, das es rühret,

Und das ins Gehirn ihn führet.

Da ich dieses überlege

Und der Blumen Kraft erwege,

Fällt mir ziemlich glaublich bey,

Wie vielleicht noch vielerley,

So zur Lust, als Artzeney,

In denselbigen verstecket,

Und uns noch verborgen sey.

Hätt’ uns nicht die Bien’ entdecket,

Daß des Honigs Süßigkeit

In der Blumen Art vorhanden;

Welcher hätt sich unterstanden,

In der Blätter bunten Gründen

Jemahls die Beschaffenheit

Solches süssen Safts zu finden?

Alles menschliche Bemühn,

Alle Kunst zu sublimiren,

Aufzulösen, distilliren,

Um den Saft heraus zu ziehn

Hätt’, um ihn davon zu trennen,

Keinen Nutzen haben können.

Könnt’ es denn nicht möglich seyn,

Daß nicht diese Kräft’ allein,

Sondern annoch andre Säfte,

Andre Geister, andre Kräfte

In den Blumen sich befinden;

Wenn wir solches nur verstünden?

Denn daß Menschen es nicht fassen,

Daraus wird die Möglichkeit

Mehrerley Beschaffenheit

Sich nicht wiedersprechen lassen.

Sonderlich, da solche Lehren

Von der schönen Blumen Heer

Unsers grossen Schöpfers Ehr’

Nicht vermindern, eh vermehren.