Bluhmen im Winter.

By Barthold Heinrich Brockes

Es lag die Erde noch vom strengen Frost gedrückt,

Vom Reiff und Schnee bedeckt, und auch zugleich

An Fenster-Scheiben war der feuchte Dunst verdickt.

Ein nett formiret Eis, halb fürchterlich, halb schön,

War früh in meinem Zimmer

In einem weißlich grauen Schimmer

Am Fenster überall zu sehn,

Woraus ein’ allgemein’ und greise Dämmerung,

Die Lust und Schau’r zugleich in uns erweckt, entsprung.

Doch brach, zu gleicher Zeit, ein lieblich rother Schein

Aus den vom Morgen-Roth bestrahlten Fenster-Scheiben

Des Rachbars, voller Glantz durch Eis und Glas herein.

Mein Auge ward mit Lust gewahr.

An denen zarten Eises Spitzen,

Ein röthlich angenehmes blitzen.

Offt zeigt uns das gefrohrne Glas,

Von mannichfaltgen Creaturen,

Gewächsen,, Pflantzen, Stauden, Gras,

So manche zierliche Figuren.

Allein mir fiel zugleich noch etwas ins Gesicht.

Vor diesen Fenstern stand im grünenden Gepränge

Von wahren Bluhmen eine Menge,

Die theils aus Wasser blos, und theils auch aus der Erden,

Durch Wärm’, auch selbst im Frost, hervor getrieben

Bey mancher Hyacinth, auch Tulpen und Terzetten,

War, nebst dem grünen Laub, auch Wunder-schön

Die Pracht von Lilien-Convallien zu sehn.

Ich stutzt’, als ich daselbst auf einem Grunde

Von Schnee und Eis, der Bluhmen bunte Pracht,

Trotz scharffer Kälte strenger Macht,

So gar durch ihren Feind annoch erhoben, funde:

Und ich zugleich den Winter und den Lentzen,

In fast nicht unterschiednen Grentzen,

In weiss-und buntem Schimmer gläntzen,

Und gleichsam auf einmahl zugleich durch Africa,

Zumahl es eben an-zu schneyen fieng,

Und ein schnell Flocken-Heer wild durch einander gieng;

In Rova Zembla sah.

Hiedurch ward ich, wie billig, sehr gerührt.

Und, wie uns das Geschöpf mit Recht zum Schöpfer leitet,

Zum grossen Schöpfer auch geführet.

Ich wandte mich zu Dem, der alles zubereitet,

Und stellte mir,

Bey diesem, Lentz und Frost vereinenden, Gesicht,

Sein Wesen, welches nirgend nicht,

In der Allgegenwart, mir für.

O unümschräncktes All! rieff ich, von Ehr-Furcht

Vor dessen Angesicht sich auf der Welt

So Süd-Lands Glut, als Nordens Eis,

Beständig gegenwärtig stellt!

Der, wie das Feld sich hier mit Schnee beziehet,

Ein anders dort in schwülen Strahlen glühet,

Wie da der Mandel-Baum in süsser Röthe blühet,

Wie hier gekeltert wird, auf einmahl übersiehet.

So wenig man

Auch einigen Begriff sich machen kann

Von der Allgegenwart; so zeiget dieses Bild,

Das mein Gemüth mit tieffen dencken füllt,

Doch etwas deutlichers mir an,

Als ich es sonst begriff’; dieweil ich allgemach

Durch eine liebliche Jdee,

Auf Sprossen der Geschöpf’, im Schöpfer mich erhöhe.

Ich dencke mehr und mehr der grossen Wahrheit nach,

Daß, wenn auch in den tieffsten Tieffen

Der undurchdringlichen Unendlichkeit,

Gedancken ewig vor sich lieffen,

Sie dort, von der Vollkommenheit

Der Gottheit alles voll, in den entfernten Gründen,

So, wie wir sie hier finden, würden finden.

Kaum hatt’ ich dergestalt dieß bey mir überdacht,

Als ich, üm die gefrorne Pracht

Der Fenster noch einmahl zu sehen,

Die Augen öffnete. Jedoch war keine Spur

Auch von der zierlichsten Figur

Der Eis-Gewächse mehr verhanden, und das Glas

Der Scheiben, zeigte blos ein ungeformtes Naß.

Es blüheten allein

Die Bluhmen, die gewachsen seyn,

Und zwar in einem hellern Licht:

Denn das geschmoltzne Eis verdunckelte sie nicht.

Mir fiel hiebey, mit Lust, des nahen Frühlings Schein,

Doch der Gedancke gleichfalls ein:

Wenn auch dereinst, mit aller Pracht, die Welt

Entformt, vereint in jener Gluth,

Wie hier das Eis-Gewächs in ungeformter Fluth

Zusammen fällt;

In welchem Wunder-schönen Schein,

Wird, wann so Dufft als Lufft vergehn,

Und dem gehemmten Licht nicht ferner wiederstehn,

So dann, in ewig seelgem Lentzen,

Das ewge Paradies in seiner Blühte gläntzen!